Alternativbewegungen in der Parteiendemokratie

Von Christian Graf von Krockow

Alternativbewegungen sind ein Kennzeichen unserer Zeit. Widerstand ist ihr Thema: Widerstand gegen angebliche Sachzwänge der Industriegesellschaft, von der Städte-Sanierung und Naturzerstörung über Kraftwerksbauten und Verkehrsanlagen bis zur Rüstung. Positiv könnte man von der Sehnsucht und Suche nach „sanften“ statt „harten“ Wegen sprechen; Harmonie und „Gemeinschaft“ sollen eine Gesellschaft des „Leistungsdrucks“ und der Konkurrenz ablösen.

Der Widerstand trifft das politische System; auch „Staatsverdrossenheit“ ist ein Kennzeichen unserer Zeit. Erst recht handelt es sich um Parteien- und Parlamentsverdrossenheit; der aktive Widerstand richtet sich vielfach gegen Maßnahmen, die von den parlamentarischen Mehrheiten ordnungsgemäß beschlossen wurden. Und zum mindesten zweideutig wirkt das Verhältnis zum Rechtsstaat, zur Justiz: Sie wird angerufen und als Mittel genutzt, um Vorhaben zu blockieren – durch die Instanzen hindurch oft für Jahre –; sie wird aber heftig geschmäht, und ihre Urteile werden mißachtet, sobald sie ungünstig entscheidet.

Die Abkehr vom bestehenden „System“ läßt sich zum mindesten in ihren Schwerpunkten sozial bestimmen: Die Träger „grüner“ und überhaupt alternativer Auffassungen sind eher jung als alt, eher überdurchschnittlich ausgebildet, eher wirtschaftsfern und „konjunkturresistent“ als konjunkturabhängig, also – soweit sie schon im Beruf stehen – im Öffentlichen Dienst und in verwandten Dienstleistungsberufen überrepräsentiert. Sie sind auch stärker im protestantischen oder säkularisiert protestantischen als im katholischen Raum angesiedelt.

Dieses Sozialprofil des Protests ist in Deutschland keineswegs neu, sondern seit dem Aufbruch der Jugendbewegung in den Anfängen des Jahrhunderts bekannt. Das gilt nicht zuletzt unter dem Gesichtspunkt des „Wertewandels“, das heißt in der kritischen Wendung gegen Prinzipien der Industriegesellschaft und als Sinnsuche nach altneuer „Natürlichkeit“. Neu sind wahrscheinlich eher die quantitativen als die qualitativen Dimensionen. Sie ergeben sich aus der rapiden Ausweitung des höheren Bildungswesens und des Dienstleistungsbereiches.

Falsch wäre es dagegen, die Alternativbewegungen kurzweg als antidemokratisch abzutun. In gewissem Sinne ist das Gegenteil richtig. Auswertungen des Materials der Meinungsforschung seit den fünfziger Jahren zeigen, daß insgesamt demokratische Einstellungen in der Bevölkerung sich langsam, aber deutlich und kontinuierlich verstand haben, während die antidemokratischen allmählich zurücktreten. Dabei schneiden auf der Skala der Demokratiewerte durchweg die jüngeren Jahrgänge noch besser ab als die älteren, ebenso die qualifiziert Ausgebildeten gegenüber den weniger Qualifizierten.