Hans Sahls Gedichte „Wir sind die Letzten“

Von Jürgen Theobaldy

Nach poesiefernen, Reportage und Dokumentation zugewandten Jahren wuchs gegen 1975 das Interesse am zeitgenössischen westdeutschen Gedicht auch deshalb wieder, weil sich eine neue Lyrik angekündigt hatte. Zu ihren poetologischen Forderungen gehörte der Bezug auf das Selbsterlebte, die Aufmerksamkeit für alltägliches Detail und persönliche Erfahrung, die als gesellschaftlich vermittelte begriffen wurde. Dies waren nicht die einzigen Kriterien, aber wichtige, und sie konnten auch für jene Gedichte gelten, die Hans Sahl in seinem Lyrikband „Wir sind die Letzten“ sammelte. Trotzdem ist das Buch, erschienen 1976, weitgehend unbeachtet geblieben. Für das Angebot neuer Gedichte fand sich bald der Begriff der „Lyrikschwemme“, und diese galt es, im engen Bett des Trends zu kanalisieren. Dabei blieb am Rand zurück, was sich seiner unmodischen Thematik wegen für solch eine Maßnahme nicht eignete.

Sahls Bibliographie, stellt man die Übersetzungen zeitgenössischer englischsprachiger Dramatiker zurück, ist kurz. Sie nennt nur einen weiteren Lyrikband, „Die hellen Nächte“, den ein New Yorker Verlag 1942 herausgab, ohne daß es je zu eher Neuauflage gekommen wäre. Die zweite Abteilung von „Wir sind die Leuten“ besteht aus einer Auswahl daraus, und die einzige Enttäuschung beim Lesen war die, nicht mehr Gedichte aus diesem Band und den ersten New Yorker Jahren vor sich zu haben, zum Beispiel nicht das 1969 in „Luchterhands Loseblatt Lyrik“ zugänglich gemachte ...

Washington Square

Mitleidlos steht die Sonne über Manhattan. Von der achten Straße her weht verdorben ein Wind. Wo bliebt ihr, die in kühleren Gegenden ich liebte? Meine Mutter versprach mir ein festliches Dasein, reich an Ehren und Titeln – jetzt sitze ich hier, auf dem Platz, den die Stadt mir gelassen, barhäuptig, ohne Arbeit, unter spärlichen Bäumen und wie diese verdurstend.

In verschiedenen Gedichtformen spricht Sahl von Erfahrungen im Pariser Exil, in einem französischen Internierungslager und auf der Flucht über Marseille nach New York. Obwohl das Nachwort von Fritz Martini das politische Engagement des Autors in jenen Jahren anmerkt, verzichten die Gedichte auf billig zu habendes Pathos. Sie winken nicht mit Freiheit und Glück, wenn zunächst Elend und Not auszuhalten sind. Trotz ihres deutlich autobiographischen Charakters, der Nähe von empirischem und lyrischem Ich bleiben sie in sich reflektiert. Das heißt, sie haben Distanz; nicht die grundsätzliche des zweck- und interesselosen Beobachters, sondern jene, die auf Teilnahme fußt. Der Ton der Gedichte ist so vielfältig wie ihre Formen, was auch eine Gefahr für sie bedeutet: Die Balladen, Sonette, Elegien und gereimten Vierzeiler Vierzeiler erinnern an die Lyriker, die den jeweiligen Formen ihren Ton derart einprägten, daß sie einander für lange unlösbar durchdringen wie die Brechtsche Ballade, die Hölderlinsche Elegie, die mit Fremdwörtern durchsetzten jambischen und trochäischen Reimstrophen Benns.