Von Gabriele Venzky

Es will in Indien schon etwas heißen, wenn ein anderes Ereignis das seit Monaten überstrapazierte Dauerthema „Pakistan“ aus den Schlagzeilen verdrängt. Doch seit einigen Wochen scheint es nichts Wichtigeres zu geben als Maneka, Maneka, Maneka. Die bekanntesten Leitartikler des Landes verfassen immer neue und immer wieder ellenlange Kommentare über die Schwiegertochter von Indira Gandhi. Nur Radio und Fernsehen haben bisher noch keinen Ton über die Familien-Affäre gebracht. Beide werden vom Staat kontrolliert, dem Hüter der wahren Pressefreiheit. Dennoch, so ergab eine Meinungsumfrage in mehreren Großstädten, hatten 80 Prozent der Befragten von dem Skandal im Hause Gandhi gehört. Denn wenn in Neu-Delhis Safdarjang Road Nummer 1 eine Explosion stattfindet, dann erschüttert das die ganze Nation. So geschehen, als Schwiegertochter Maneka Gandhi Ende März kurzerhand „auf die Straße gesetzt wurde“, wie sie sagt.

Streit zwischen Schwiegermüttern und Schwiegertöchtern gibt es überall auf der Welt. Aber der Familienkrach im Hause Gandhi hat die Formen einer Staatsaffäre angenommen, er hat weitreichende politische Dimensionen. Maneka Gandhi, die Frau des vor zwei Jahren tödlich verunglückten Thronerben Sanjay hatte nämlich klargemacht, daß sie sich nicht mit dem Schicksal indischer Witwen abzufinden gedenke, die eine schmucklose, gedemütigte Rolle im Hintergrund spielen und überhaupt froh sein müssen, wenn sie bis an ihr Lebensende geduldet werden. Nein, die 25jährige Witwe Maneka Gandhi hat der 64jährigen geschiedenen Witwe Indira Ghandhi zu verstehen gegeben, daß ihr der von der Familie zugestandene Freiraum – die Beschäftigung in einem kleinen Buchladen und in einem Tierhospital – zu eng sei.

„Ich bin auch eine Gandhi“, erklärt sie stolz. Obwohl sie nicht müde wird zu versichern, sie habe keine politischen Ambitionen – „wenigstens nicht zum gegenwärtigen Zeitpunkt“, fügt sie vorsichtig hinzu – muß Indira Gandhi eine solche Äußerung als Kampfansage interpretieren. Eigentlich ist das erstaunlich bei einer Frau, die ihr Land mit einer behaglichen Zweidrittelmehrheit im Parlament regiert, deren Partei in fast allen Unionsstaaten die Mehrheit hat, deren Landesministerpräsidenten zu furchtsamen Befehlsempfängern degradiert sind und deren Popularitätskurve einen deutlichen Aufwärtstrend zeigt, trotz all der noch nicht eingelösten Wahlversprechen – und vor allem einer Frau, zu der es keine Alternative gibt.

Daß Maneka ihr den Posten streitig machen könnte, kann sie im Ernst nicht annehmen. Doch gefährlich könnte die kleine Schwiegertochter ihr schon werden. Denn in der „demokratischen Monarchie“ der Familie Gandhi, die „Indien wie ihr Eigentum behandelt“, um den indischen „Spiegel“, das Magazin India Today, zu zitieren, gibt es eine Schwachstelle: Indiras Sohn Rajiv. Ihn hatte die Mutter nach dem Tod des von ihr auserwählten Dynastie-Erben Sanjay in die Politik geholt, ob er wollte oder nicht (und er wollte eher nicht). Seit einem Jahr müht sich der ältere Bruder redlich, den Platz des ehrgeizigen, dynamischen und damals höchst umstrittenen jüngeren auszufüllen. Doch zu durchschlagenden Ergebnissen haben diese Bemühungen bisher nicht geführt. Sanjay und seine Brigaden hatten neuen Wind und neue Leute in die schal gewordene indische Politik gebracht, allerdings unter bedenklichen und wenig demokratischen Begleitumständen. Unter Thronfolger Rajiv ist es mit dem Schwung dahin. Der alte Trott ist wieder da, und der höfliche, wohlerzogene Mr. Saubermann ist ihm hilflos und überfordert ausgeliefert.

Weil dies natürlich auch der indischen Premierministerin nicht verborgen geblieben ist, hat sie der Anspruch Manekas: „Auch ich bin eine Gandhi“ zur Löwenmutter werden lassen. Übrigens hatte man diese Reaktion auch seinerzeit beobachten können, wenn Sanjay in die Enge getrieben wurde. Indira Gandhi pflegt dann ins Extrem zu gehen. Maneka eine Gandhi? Ausgerechnet die Frau, die die Gleichheit in ihrem Lande predigt, kehrt nun die Kaschmir-Brahmanin heraus. Maneka, die Tochter eines unbedeutenden Sikh-Obersten in der indischen Armee, habe nicht „den richtigen Familienhintergrund“, wirft sie ihr vor. Unwillkürlich drängt sich das Photo auf, das vor sieben Jahren entstand, als Sanjay seine junge Braut ins Haus der Mutter brachte – Sanjay nonchalant, Maneka mit einem Gesicht voller Spannung und Angst, und Indira Gandhi unzufrieden und grämlich blickend.

Und nun meldet diese unwillkommene Person auch noch Ansprüche an. Daß sie Rajiv allemal in die Tasche stecken würde, dieses Gefühl hat die Familie schon lange. Deshalb verbot sie Maneka ja bereits am Todestage Sanjays, dem Drängen seiner Anhänger nachzugeben und sich an die Spitze der indischen Jugendorganisation zu stellen.