Duisburg

Jetzt hat et die endlich erwischt“ – aus diesen Worten spricht keine Schadenfreude; sie sind eine Feststellung, getroffen am Tresen der Gaststätte Heesen im Duisburger Vorort Meiderich. Beinahe könnte man aus der Reaktion der Rentner, die hier bei ihrem täglichen Pils sitzen, so etwas wie Erleichterung heraushören: Das lange Leiden des „Meidericher Spiel-Verein 02“ alias MSV Duisburg hat nach 19 Jahren Bundesligazugehörigkeit ein Ende gefunden.

Als im vergangenen Jahr der ruhmreiche Traditionsklub Schalke 04 aus der Revierstadt Gelsenkirchen in die Zweitklassigkeit abstieg, sammelten Zeitungsreporter und Fernsehteams landauf, landab die Tränen der stattlichen Trauergemeinde, für die nicht Schalke, sondern die Welt unterging. Meiderich ist nicht Schalke. Der Klub aus dem Arbeiter-Vorort hat es in den knapp zwei Jahrzehnten Bundesliga-Zugehörigkeit nicht geschafft, in Duisburg eine ausreichend große Anhängerschar hinter seinen blau-weißen Vereinsfarben zu versammeln. Da half es auch nichts, daß er 1966 seinen Namen Meidericher Spiel-Verein aufgab und sich fortan „MSV Duisburg“ nannte.

„Eigentlich“, so meint der 62jährige Otto Lahrfeld, der vor mehr als drei Jahrzehnten auch einmal für die Meidericher kickte, „hat der MSV im Duisburger Wedau-Stadion immer Auswärtsspiele ausgetragen.“ Alte Duisburger schwärmen noch heute von den längst vergangenen Zeiten, als ein anderer Verein der Stadt, der „DSV“, der Duisburger Spiel-Verein, im westdeutschen Fußball den Ton angab. Zehnmal holten sich die in den Stadtfarben Rot-Weiß spielenden DSV-Fußballer den Titel eines Westdeutschen Fußballmeisters. Die Heimat des DSV war der Süden der Stadt, wo sich die feineren Wohngebiete befinden. Zu Zeiten der Oberliga West reisten die Meidericher zu Spielen gegen den DSV in eine „feindliche Fußballwelt an die Wedau“, obwohl zwischen den beiden Vereinen rein geographisch nur ganze zehn Kilometer lagen.

Diese zehn Kilometer zwischen dem Vorort Meiderich und dem Wedau-Stadion haben dem MSV Duisburg schwer zu schaffen gemacht. Nie erreichte der MSV einen Zuschauer-Durchschnitt, wie ihn in ihre Heimatstädte voll integrierte Vereine haben.

Daß der MSV Duisburg sportlich und finanziell 19 Jahre lang mit der übermächtigen Konkurrenz mithielt, ist ein kleines Meidericher Fußballwunder. Aufbauend auf eine hervorragende Jugendarbeit – die A-Jugend wurde dreimal Deutscher Meister – verstand es der Klub immer wieder, eigenen Nachwuchs an die erste Mannschaft heranzuführen. Dadurch konnten Spieler, die ihren Marktwert durch auffällige Leistungen im blauweiß-gestreiften Zebra-Dreß hatten steigern können, an andere Vereine mit Gewinn verkauft werden. So kam der MSV Duisburg trotz des schlechten Zuschauerschnitts immer wieder über die Runden.

Was der Vereinskasse guttat, bekam den Meiderichern sportlich schlecht. Mannschaften mußten immer wieder auseinandergerissen werden, bevor sie richtig aufeinander eingespielt waren. So reichte es in den 19 Jahren nur zu einer Vizemeisterschaft im ersten Jahr, einer UEFA-Cup-Teilnahme und zu zwei (verlorenen) Pokalendspielen (gegen Eintracht Frankfurt und Bayern München). Daß die Duisburger sich keine Stars in ihren Reihen leisten konnten, trug ihnen den Ruf ein, „graue Mäuse“ zu sein. Damit wird einer Vereinsführung Unrecht getan, die sich stets von der Vernunft leiten ließ. Als der Deutsche Fußballbund 1963 dem Antrag des Meidericher Spiel-Vereins auf Aufnahme in die Bundesliga stattgab, waren außer Jubel im Clubhaus an der Westender Straße auch besorgte Stimmen zu hören: „Das ist ein unverantwortliches Abenteuer“, meinte der damalige 1. Vorsitzende des Vereins, Kurt Lehmann. Er warnte vor einer ungewissen Zukunft, die „tödliche Belastungen“ in sich berge.