Annehmbar

„Céleste“ von Percy Adlon. Das sterbende Genie, im Todeskampf die letzten Seiten, letzten Zeilen des letzten Meisterwerks vollendend: dies Helden-Stück hat auch das Kino schon öfters erzählt. Percy Adlon, Jahrgang 1935, bekannt geworden durch Hörspiele und Dokumentarfilme, beschreibt in seiner ersten Arbeit fürs Kino das Sterben des Dichters Marcel Proust – doch nicht der Untergang des großen, wortmächtigen Mannes ist das Thema, sondern das schweigsame Leben einer Frau. Neun Jahre lang war Celeste Albaret Haushälterin des Dichters – all seinen Leiden und Launen protestlos untertan. Dies könnte man als Lehrstück seiner Unterwerfung erzählen; als eine Aufforderung, doch bitte nicht nur an die Unsterblichen zu denken, sondern auch an ihre sterblichen Helfer; nicht nur das Genie zu ehren, sondern auch die Demut. Eva Mattes spielt eine andere Geschichte: die eines Bündnisses, einer intimen Komplizenschaft zwischen Dienerin und Dichter. Sie macht Ute, daß ihre Fürsorge, ihre Sterbehilfe für Monsieur Proust weniger caritative als erotische. Akte sind. Eva Mattes spielt das ganz Wunderbar, aber doch eine Spur zu demonstrativ – so, wie sich eben heutzutage starke Schauspielerinnen starke Frauen vorstellen, mit einem stetigen schwesterlichen Leuchten in den Augen, solidarisch mit der Figur bis an die Grenze zur Andacht. Weniger das Bild einer lebendigen Frau wird so beschworen als eine hohe Idee des Weiblichen. Eine Huldigung an Celeste Albaret ist der Film auch in seinen behutsamen, manchmal starren, nur ganz selten melodramatisch aufbrausenden Mitteln: Celestes Ruhe und Rechtschaffenheit ist er näher als Prousts unzuverlässigem Genie.

Benjamin Henrichs

Ärgerlich

„Dabbel Trabbel“ von Dorothea Neukirchen, einer Kölner Spielfilm-Debütantin, die sich zwar nicht direkt „mit Woody Allen vergleichen“ will, die aber durchaus in dem Wahn lebt, sie hätte eine „schnelle, flüssige“ Komödie gemacht. Die Filmbewertungsstelle fand das öde, unbeholfen inszenierte Werk immerhin „besonders wertvoll“. Leicht könnte man es auch mit der „Goldenen Gebärmutter“ des Familienministeriums auszeichnen, denn Frau Neukirchen wagt ein entschiedenes Ja zum Kind. Jenes, noch ungeboren, wird von den jugendlich-frischen, gebremst alternativen HauptfigurenAnke (dafür) und Philip (dagegen) im betulichsten Fernseh-Spiel-Stil („Thema“-Film) ausführlich beredet. Auf dem Bildschirm hätte sich „Dabbel Trabbel“ mit einer interessanten neuen Schauspielerin (Gudrun Landgrebe) wohl mit Anstand versendet, im Kino ist das schlicht eine Zumutung. Die Regisseurin, die ausgerechnet Marilyn Monroe „niedlich, sexy und doof“ nennt, hat etwas hergestellt, was überhaupt nicht sexy, kaum niedlich, aber sehr doof ist.

Hans-Christoph Blumenberg

„Ich, der Richter“ von Richard T. Heffron. Die beiden letzten Sätze des ersten Mike-Hammer-Romans von Mickey Spillane („I, the Jury“, 1947) wurden berühmt: „Wie konntest du?“ fragt die halbnackte Lady, die der hartgesottenste aller Private Eyes im Arm hält und der er gerade in den Bauch geschossen hat. „Es war leicht!“ lautet Hammers Antwort. Sie fallen auch in dieser Neuverfilmung (die erste Version drehte Harry Essex 1953), die ansonsten vom Roman nur das Handlungsgerüst übernimmt und mit „zeitgenössischen“ Anspielungen (Vietnam-Krieg, CIA-Machenschaften) aufmotzt. Anders als der Roman ist dieser Film eine spekulative Mischung aus Sex und Sadismus. Spillane-Fans, die sich vielleicht zu frühere Mike-Hammer-Filme erinnern (wie Robert Aldrichs „Kiss Me, Deadley-Rattennest“ oder Roy Rowlands „The Girl Hunters – Der Killer wird gekillt“, in dem Spillane selbst die Rolle des Mike Hammer spielte), sollten sich diese Enttäuschung ersparen. Und vielleicht besser, zu dem beim Heyne-Verlag wieder neu aufgelegten (und erstmals ungekürzt übersetzten) Roman greifen.

Helmut W. Banz