Berlin: „Bier, 2 x Biederbick, Vogelgesang“

Die vorausgesetzte Gemeinsamkeit dieser vier Künstler ist offensichtlich ihr kritischer oder engagierter Realismus, ihre Behandlung des Menschen in der Welt. Die Welt benennt, wer Klaus Vogelgesangs Zeichnungen beschreibt. Da walten Zerstörung und Verfall, herrschen Sex und Gewalt; da sind die Menschen grotesk verzerrt und beschädigt, verwandelt sich Illustrierten- und Pornoschönheit in überdrehte Häßlichkeit. Hier ist jeder Mensch der Menschheit Zentrum und des anderen Feind – der beschönigende, harmonisierende Schein liegt nur wie ein Zuckerguß über allem. Die zivilisierte Welt ist kaputt, am absurden Ende angelangt, ist dabei, sich selbst zu zerstören; gerade in den scheiternden Versuchen, Schönheit zu bewahren oder zu schaffen, wird das deutlich. So ist die Welt – ist sie so? Es scheint, daß Vogelgesang das entgleitende Dasein festhalten will durch penibelste, geduldige Arbeit mit dem Zeichenstift, den er denn auch bravourös handhabt: mit seinen wie Gemälde angelegten, etwa 2 x 1,5 Meter großen Zeichnungen beweist er außergewöhnliches technisches Können. Möglicherweise entspringt die zeichnerische Virtuosität auch einer Art von Berührungsangst, denn bei aller inhaltlicher Dramatik bleiben die Arbeiten – vor allem die jüngeren – sehr distanziert und oberflächenorientiert. Ein wenig unentschieden zwischen drastischem Bierflaschen- und Bauchfalten-Naturalismus und Abstraktion, amerikanischem Hyper- und Berliner engagiertem Realismus bewegen sich Christa Biederbick-Tewes und Karlheinz Biederbick, die eigenständige Œuvres geschaffen haben, zugleich aber auffallend ähnlich vorgehen und gelegentlich auch zusammenarbeiten. Ihr Material ist das leicht form- und gießbare Polyester. Nur wenige, markante Werke (Arbeiter mit Preßlufthammer, Eishockeyspieler, Rocker) können sich gegen Vogelgesangs Zeichnungen behaupten. Die Skulpturen – und breit zupackenden Zeichnungen – Wolfgang Biers fallen aus diesem Berliner Zusammenhang ein wenig heraus; bezeichnenderweise hat er die Stadt vor einiger Zeit verlassen. Seine Objekte, aus Eisenteilen und Leder zusammengesetzte menschliche Figuren, vor allem Köpfe, sind ganz individualisiert, auch entmenschlicht, man sieht nur schroffes, unbearbeitetes Metall und beschädigte Tierhaut, die fast zufällig eine Kopfform ergeben. Diese Köpfe tragen scharfe, spitze, tödliche Klingen und Messer oder sind von ihnen verletzt – das von Ritzspuren gezeichnete Leder ist ein Anblick, der tatsächlich unter die Haut geht. Trotz der vertrauten Details haben die Skulpturen einen ganz fremdartigen, archaischen Charakter. Beeindruckend sind die materielle und handwerkliche Aufrichtigkeit, hier wird nichts vorgegaukelt, ist das Werk sichtbar Ergebnis menschlichen Mühens. Das trägt – bei aller Zerstörungskraft – die Dimension der Hoffnung und gibt Biers Arbeiten zugleich jenen Anteil von Symbolhaftigkeit, der Objekte in Kunstwerke wandelt. (Staatliche Kunsthalle bis zum 2. Juni, Katalog 30 Mark) Ernst Busche

Oldenburg: „Ernst Thoms“

Tagsüber gingen sie einem Brotberuf nach, den Abend und das Wochenende verbrachten sie vor der Staffelei. „Wir wurden gar nicht ernst genommen, uns kannte keiner, die liefen ja lieber zu Schwitters und den anderen in der Kestner-Gesellschaft, wir waren ja nicht modern genug.“ Wie Gerta Overbeck, von der diese bittere Bemerkung stammt, gehörte Ernst Thoms zu der kleinen, isolierten Gruppe von Malern der Neuen Sachlichkeit in Hannover. Thoms, immerhin, konnte in der Kestner-Gesellschaft ausstellen, und Alexander Dorner kaufte für das Provinzialmuseum seinen „Dachboden“ an. Erst Mitte der zwanziger Jahre, nach einer Phase kubistisch und konstruktivistisch angehauchter Formexperimente, verpflichtete sich der Maler einem spröden Realismus. Er betreibt Milieustudien – „Im Café“, „Trödelladen“, „Frau in der Küche“ – aber er übersetzt sie, mit dem Blick auf sein „abstraktes Vorleben“, in solide Bildarchitekturen. Der menschlichen Figur bleiben darin keine Handlungsspielräume, auch sie ist Bauelement. Die Gesichter – helle Felder, auf denen Mund, Nase und Augen markiert sind – spiegeln keine Regung. Es sind keine Individuen: die alte Köchin, das Mädchen im Café, das von einem Männerschuh bedrängt wird, das Arbeiterkind. Als Thoms sich 1926 selbst porträtiert, sieht es aus, als fertige er ein Phantombild an. In einem späteren Selbstbildnis zeigt er sich dann allerdings von solcher schlichten Anschaulichkeit nicht mehr befriedigt. Die schwedischen Küstenlandschaften von 1930 wirken greifbar wie wuchtige Reliefs. Danach folgen nur noch sehnsuchtsverhangene Horizonte, schummrige Wald- und Sumpflandschaften. Bei dem Bemühen, den Ausdruck zu vertiefen, streift Thoms das Gefühlige. Zum Landschaftsmaler geworden, sucht er im Donauschulenwalddickicht und bei Caspar David Friedrich den „Weg zu neuer Malkultur“. Die Ausstellung erinnert an die tastenden Anfänge des heute in der Nähe seiner Geburtsstadt Nienburg lebenden Fünfundachtzigjährigen, an den Autodidakten, der im Dachbodenatelier in Hannovers Calenberger Straße nüchtern und naiv den Motiven seiner unmittelbaren Umgebung nachspürte – vor sich eine Bodenluke, einen Stuhl, einen Haufen leerer Flaschen, ein Fahrrad und im Kopf El Lissitzky. (Landesmuseum Oldenburg – Augusteum bis zum 6. Juni, Katalog 22 Mark)

Volker Bauermeister

Wichtige Ausstellungen

Baden-Baden: „Karel Appel – Arbeiten auf Papier“ (Staatliche Kunsthalle bis 31. Mai, Katalog 30 Mark)