München

Die Szene ist deprimierend: Während sich unten auf dem Rasen elf Männer in weißblauen Trikots mit einem schwarzweißen Ball und elf Gegnern abrackern, verlieren sich oben im Oval des Münchner Olympiastadions ganze 3400 Fans auf den 80 000 Zuschauer fassenden Rängen. Münchens Zweitligist, der TSV 1860, ist wieder einmal angetreten – einsam, nahezu verlassen von der Gunst der Zehntausenden, die ihn noch vor gar nicht langer Zeit umjubelt hatten. Die „Löwen“, so heißen die Kicker von 1860 nach ihrem Wappentier, machen an diesem Spieltag ihrem Namen wieder einmal Ehre: 4:0 siegen sie gegen Rot-Weiß Essen und bewahren sich so den Anschluß an die Spitzengruppe in der zweiten Fußball-Bundesliga.

Daß sie der Sieg dennoch nicht begeistert, liegt nicht allein am schwindenden Interesse der Fans. Die „Löwen“ sind pleite, nicht das erste Mal in den letzten zehn Jahren, dafür aber zum ersten Mal so hoffnungslos, daß Münchens Kommunalpolitiker eine außergewöhnliche Rettungsaktion starteten: Sie kauften dem bankrotten Verein für vier Millionen Mark die Turnhalle samt Vereinsheim ab und begaben sich so in den Ruch, mit Steuergeld die „Unterhaltungsindustrie“ Fußball zu subventionieren.

„Ein Skandal“, sagen die Kritiker, „ein patriotischer Akt“ die Befürworter, die meinen, ein so traditionsreicher Verein dürfe nicht einfach zugrunde gehen. Dabei sind die Sechziger schon seit mehr als einem Jahrzehnt Weltmeister im Schuldenmachen. Mit mindestens 5,3 Millionen Mark stehen sie heute offiziell in der Kreide, auf acht Millionen werden von – natürlich bösartigen – Kritikern die Schulden inoffiziell geschätzt. 20 verschiedene Sportabteilungen hat der Verein, der den „Proletarier-Sport“ Fußball einst nach München brachte, doch allein die Fußballer sind schuld an der Misere. Wie das heutzutage üblich ist, kassieren auch bei den „Löwen“ mittelmäßige Kicker sechsstellige Jahressaläre, bauen sich Eigenheime und Mietshäuser, streichen Supersummen über Schweizer Geheimkonten ein, während der Schuldenberg des Vereins ins Unermeßliche wächst.

Als der jetzige Präsident, der CSU-Bundestagsabgeordnete Dr. Erich Riedl, 1974 sein Amt antrat, befand er sarkastisch: „In der Fußballabteilung passierten Sachen, die nicht einmal in einem einfachen Gemüseladen vorkommen. Die Herren waren nur Profis im Geldausgeben.“ Kein Wunder, daß der Gerichtsvollzieher Stammkunde beim Fußballklub wurde – und montags ins volle greifen konnte. Nach den Spielen vom Wochenende wurden die Einnahmen meist in Waschpulverkartons aufbewahrt.

Dabei hätte alles ganz gut laufen können. Riedl, der, wie er klagt, einen „schlimmen Augiasstall“ und 3,5 Millionen Mark Schulden vorfand, mistete erst einmal energisch aus. Die Schulden sanken auf 2,3 Millionen, und die „Löwen“ stiegen nach siebenjähriger Durststrecke 1977 wieder in die Bundesliga auf. Doch damit begann die Misere von neuem. Von dem Ehrgeiz getrieben, die Sechziger „wieder in die Spitzengruppe des deutschen Fußballs zu führen“, kaufte Riedl teure Spieler und Trainer, die dem Verein viel Ärger, aber wenig Erfolg brachten. Als die „Löwen“ letztes Jahr wieder in die zweite Bundesliga abrutschten, zeichneten Karikaturisten den Vereinslöwen als Pleitegeier.

Doch Riedl blieb keck. Obwohl er selbst schon hinter den Kulissen um die Gunst der Politiker und saftige Summen aus dem Steuersäckel buhlte, tönte er noch öffentlich: „Die Regierung hat abgewirtschaftet, und Bonn ist pleite, weil die Sozialdemokraten nicht mit Geld umgehen können.“ Worauf die SPD den Mann „mit den finanzpolitischen Weisheiten“ schadenfroh wissen ließ: „Tatsache ist, daß nicht der Bund, sondern der TSV 1860 pleite ist.“