Von Klaus Harpprecht

Bei seinen Gängen über den schönen Campus der Universität Stanford im kalifornischen Städtchen Palo Alto sprach Gordon Craig gelegentlich davon, daß er seiner "Deutschen Geschichte von 1866-1945" gern ein "Deutsches Alphabet" folgen lassen wolle: von "A" wie Adenauer bis "Z" wie Zeppelin, von "B" wie Bach bis "W" wie Richard Wagner und Wirtschaftswunder. Statt dieser Sammlung von Glossen und Marginalien legt er nun einen Band mit lapidarem Titel vor:

Gordon Craig: "The Germans", Putnam-Verlag, New York; 350 S., US-Dollar 15,95.

Die vierzehn Essays sind keineswegs Splitter, die im Gang der Arbeit von seinem Hauptwerk abfielen und "zu späterer Verwendung" aufbewahrt wurden. Vielmehr greift Gordon Craig in diesen Betrachtungen über die Epoche zwischen Königgrätz und der Götzendämmerung im Bunker der Neuen Reichskanzlei weit hinaus. In den "Historischen Perspektiven", die am Anfang stehen, entwirft er eine Skizze des deutschen Weges seit dem Dreißigjährigen Krieg, dessen Verheerungen er seinen Lesern durch ein – vermutlich von ihm selber übersetztes – Sonett von Andreas Gryphius mit Bildern blutigen Entsetzens nahebringt: eindrucksvoller als dies der umständlichen Sprache des Fachkundigen jemals gelänge. Wann immer sie ihm hilfreich erschienen, nahm der Wissenschaftler Craig die Poesie, die erzählende Literatur, die Philosophie, die Musik in den Dienst seiner Geschichtsschreibung. Sein Buch gewinnt damit eine Intimität, der man heutzutage in öffentlichen Abhandlungen über Deutschland und die Deutschen selten begegnet, schon gar nicht in unseren eigenen.

Kleine Irrtümer beschädigen diesen Vorzug nicht. Günter Grass wird es ertragen, daß ihm ein Parteibuch der SPD verliehen wurde; Walter Kempowski braucht sich nicht zu entleiben, weil es seine Familiensaga von Rostock nach Bremen verschlug, und Horst Krüger kann es sich, auch unter dem Vornamen Heinz, zur Ehre rechnen, daß er in diesem Werk Erwähnung fand.

Es grenzt ans Erstaunliche, wie gründlich und unbefangen dieser Amerikaner schottischer Herkunft in jeden Winkel der deutschen Seele, der berühmt-berüchtigten, geschaut hat: Er nennt die Marlitt und Thomas Mann, Hermann Löns und Lessing, Hochhut und Friedrich Hebbel. Nichts blieb ihm fremd an unserem Wesen, und er verstand mit seinem empfindsamen Humor genau genug, daß das Banale als historisch-psychologisches Zeugnis so unentbehrlich ist wie das Erhabene.

Die Beweise seiner Vertrautheit mit so vielen Regungen unseres Daseins sind überraschend, inspirierend und manchmal bewegend. Wem unter uns ist gegenwärtig, daß der Hallenser Pietist Francke 1706 auch eine Schule für junge Frauen gründete (ein Beleg mehr für Craigs behutsame Deutung der Bezüge zwischen Aufklärung und religiöser Innerlichkeit)? Welcher seiner deutschen Kollegen – außer Golo Mann – wäre in der Lage, an Hand eines Exkurses über Fontanes Frauengestalten die Schwierigkeiten der Emanzipation zu schildern? Und wußten wir, daß von den 111 Frauen, die Abgeordnete im Reichstag der Weimarer Republik waren, im Dritten Reich vier Selbstmord verübten, dreizehn verhaftet, zehn in Konzentrationslager verschleppt wurden und vierzehn ins Exil gingen?