Von Horst Bieber

Geduld, Ausdauer und diplomatische Zähigkeit wurden an Javier Pérez de Cuellar schon gerühmt, als er sich noch als einer von acht Bewerbern um die Nachfolge Kurt Waldheims im Glaspalast der Vereinten Nationen bemühte. Der peruanische Berufsdiplomat wurde schließlich UN-Generalsekretär, weil sich die drei Mächte China, Sowjetunion und Vereinigte Staaten im Sicherheitsrat gegenseitig blockierten. Perez de Cuellar siegte als ein typischer Kompromiß-Kandidat, als der UN-gemäße, farblose Fachmann.

So schien es bis zur Falkland-Krise. Nun, sieben Wochen nach der Besetzung der Falkland-Inseln, Malvinen und Südgeorgiens, ruhen alle Hoffnungen, den Konflikt ohne weiteres Blutvergießen durch Verhandlungen zu lösen, auf dem 62jänrigen Juristen und seinen Vermittlungsfähigkeiten. Mit der UN-Resolution Nr. 502 hatte die Weltorganisation den Rahmen abgesteckt. Doch dann versuchte erst der amerikanische Außenminister Haig sein Glück und scheiterte mit seiner Pendelmission zwischen London und Buenos Aires an der argentinischen Weigerung, über die Souveränitäts-Frage zu verhandeln. Jeder Versuch, die beiden Streithähne auseinanderzubringen, blieb erfolglos, weil der erste Schritt – Ende der Feindseligkeiten – fest mit dem zweiten – wessen Fahne weht künftig über Port Stanley/Puerto Argentino? – verknüpft war. Deswegen blieb auch die peruanische Initiative erfolglos, zum Kummer der Südamerikaner.

Anfang der vorigen Woche verzeichnete der Generalsekretär seinen ersten Erfolg: Die Vereinten Nationen übernahmen die Verhandlungen. Sein zweiter Erfolg stellte sich am Ende der vergangenen Woche ein: England und Argentinien schwenkten auf die Linie des in heiklen Missionen erfahrenen Pérez ein – zuerst den großen Krieg verhindern, dann die Souveränitätsfrage behandeln. Und zu Beginn dieser Woche durfte der Generalsekretär seinen dritten, persönlichen Erfolg verzeichnen: Trotz der Kampfhandlungen gingen die Gespräche weiter.

Großer Optimismus ist freilich noch nicht angebracht. London spricht von „substantiellen Fortschritten in verschiedenen Punkten“, verweist aber auf eine „Reihe ungeklärter Fragen“. Buenos Aires will weiter verhandeln und hat dazu durch Außenminister Costa Méndez erklärt, es betrachte die Anerkennung der argentinischen Souveränität über die Malvinen nicht als „Vorbedingung“, bestehe allerdings darauf, daß der begonnene Prozeß mit eben jener Anerkennung ende: kein großes Entgegenkommen, aber ausreichend, um einen Waffenstillstand auszuhandeln.

Pérez de Cuellar hat anscheinend einen Sechs-Stufen-Plan vorgeschlagen: Waffenruhe – Rückzug der Argentinier – Rückzug der britischen Flotte – Ende der gegen Argentinien verhängten Sanktionen – Übergangsverwaltung durch die Vereinten Nationen – Verhandlungen über den künftigen Status der Inseln. Die Umstände des Kriegsschauplatzes – die britische Flotte kann nicht mehr wochenlang dort kreuzen – verlangen, daß die ersten drei Punkte gleichzeitig oder doch so rasch nacheinander erfüllt werden, daß sich der leidige Streit erledigt, wer denn nun mit dem Rückzug begonnen habe. Oder – in der von beiden Seiten gepflegten Propaganda –, wer mit dem Rückzug beginnen müßte, sei es aus militärischer Schwäche, sei es wegen seiner völkerrechtlich schlechteren Position, sei es, weil die Argentinier jene New Yorker Vereinbarung vom Februar aufs Tapet bringen kannten, in der sich Großbritannien zu monatlichen, ernsthaften Konsultationen über das Schicksal der Inseln verpflichtete, die schon beim ersten Treffen im März mit dem Selbstbestimmungsrecht der Falkländer abgewürgt wurden.

Solche Überlegungen entsprechen dem Naturell des Generalsekretärs, der viele kleine Schritte hinter den Kulissen dem spektakulären Sprung im Rampenlicht vorzieht. Seit seinem offiziellen Amtsantritt am 1. Januar hat er sanft, aber nachdrücklich das Personalkarussell bei den Vereinten Nationen in Bewegung gesetzt, sich durch die Entlassung eines engagierten Kritikers der in vielen Staaten verübten Menschenrechts-Verletzungen dabei auch böse Vorwürfe zugezogen und im Seychellen-Konflikt das UN-Engagement so klein gehalten, wie es angesichts seiner Machtlosigkeit angebracht schien, um der Weltorganisation weiteren Rufschaden zu ersparen.