Die ersten Opfer haben den Rückhalt für die Junta noch verstärkt

Von Dieter E. Zimmer

Buenos Aires, im Mai

Es wäre leicht, Argentinien als ein kriegsversessenes Land zu schildern. Überall wehen Fahnen. Aus allen Lautsprechern tönt Marschmusik. In der aristokratischen Oper Colin wie im plebejischen Sportpalast „Luna-Park“ erschallen Hochrufe auf das Vaterland. Eine Illustrierte tat sich damit hervor, auf dem Titelblatt Frau Thatcher einmal als Seeräuberin, einmal als Vampir zu zeigen und zu erklären: „Piratin, Hexe, Mörderin“ und „ihr Gatte der Haß, ihr Sohn drogensüchtig, ihr Großvater ein Dieb“. Am Wochenende entlockte ein 24stündiges Benefiz- und Propagandaspektakel des Fernsehens den Argentiniern Spenden und Geschenke zuhauf – einem Tango-Künstler sein geliebtes Bandoneon, einer 90jährigen Schauspielerin den Goldring, der ihr Leben lang ihr Talisman war. Unzählige Plakate und Fernsehspöts rufen die Argentinier auf zum Sieg und verkünden ihnen, er sei schon ganz nah.

Ebenso leicht wäre es, Argentinien als friedlich zu beschreiben. Da ist es in einen nicht erklärten, aber ganz realen Krieg verwickelt und geht seinen Geschäften nach, als wäre nichts. Es gibt keine Ausfälle gegen die im Lande lebenden Briten (nur einreisen dürfen jetzt keine mehr), und in den Tavernen des Hafenviertels Boca wird weiter laut gewitzelt, getanzt, gesungen, als gäbe es ein Freudenfest zu feiern.

Beide Beschreibungen wären richtig. Sie stehen noch nicht einmal im Widerspruch zueinander. Das Publikum in jener Mammut-Show des Fernsehens schwenkte die Fahnen wie üblich, skandierte wie üblich: Argentina! Argentina! und applaudierte ebenso emphatisch, als der Außenminister Costa Méndez auftrat und beteuerte: Wir wollen Frieden. „Wir sind ein friedliches Volk“, sagte er wörtlich, „wir wollen Großbritannien nicht schlagen. Wir wollen nur, daß uns endlich Gerechtigkeit widerfährt, die Anerkennung unserer Souveränität über die Malvinen.“ Die argentinische Forderung sei eines jener ganz einfachen Dinge, die am Ende jeden überzeugen müßten. Nicht Haß erfülle das Land, sondern Freude darüber, sein Recht zurückgewonnen zu haben.

Tatsächlich fehlt selbst in der massivsten Propaganda der Haß. So durchdrungen sind hier viele von der Gerechtigkeit der eigenen Sache, daß sie sich von der Besetzung der Malvinen ein neues, freieres, gerechteres Argentinien versprechen und mehr noch, ein Signal für die, „Wiedergeburt Lateinamerikas“.