Es ist kein Zufall, daß mir jener Satz in den kleinen grauen Zellen, die Unwillen registrieren, hängengeblieben ist. Der mir unbekannte Autor des Satzes hätte vermutlich geschrieben: Nicht umsonst ist jener Satz hängengeblieben.

Auf diesen Autor ergießt sich nun der ganze Groll desjenigen, der viele Wochen lang die „Vorankündigungen“ deutscher Buch-Verlage hat lesen müssen. Was für ein Sammelsurium von hochgestochenem Abrakadabra! Es ist schier unerträglich, dieses Sich-groß- und Gebildet-Tun im Verbund mit soliden Verkaufsabsichten. Sonderbar: die intelligentesten neuen Töne („Innovationen“ genannt) und die schlimmsten Mißtöne der Sprache, beide finden wir sie auf dem Feld der Werbung.

Endlich also jener Satz, den ich meine. Er lautet: „Nicht umsonst schickten die französischen Schriftsteller aus dem ersten Drittel des 19. Jahrhunderts dem Patriarchen in Weimar in einer großen Kiste verehrungsvoll ihre Werke.“

Da möchte ich doch gern wissen: Wer waren eigentlich diese „französischen Dichter aus dem ersten Drittel des 19. Jahrhunderts“? Balzac hatte da kaum zu schreiben angefangen, Flaubert und Baudelaire waren noch Kinder. Immer diese Ungewißheit. Der „Patriarch“ kann sich gegen eine solche Bezeichnung nicht mehr wehren, die ihm gewiß zuwider gewesen wäre, hatte er doch gerade einer Neunzehnjährigen einen Heiratsantrag gemacht. Gewiß erhielt Goethe damals, wie viele Schriftsteller heute auch, die Werke jüngerer Kollegen zugeschickt. „In einer großen Kiste“? Je nun.

Vielleicht ist ein solcher Satz trotz allem werbewirksam und kaufkraftspendend. Ich will nichts verschworen haben. Nur eines möchte ich fragen dürfen: Wieso geschieht das alles „nicht umsonst“? Ist da eine Beleidigung der „französischen Schriftsteller aus dem ersten Drittel des 19. Jahrhunderts“ beabsichtigt? Mußte Goethe sie bezahlen, sei es in bar, sei es durch Anerkennung, die dann zu Markte getragen werden konnte?

Ich vermute, nichts dergleichen ist gemeint, sondern es handelt sich offenbar um eine modische Bedeutungserweiterung, der wir jetzt allenthalben begegnen: „Nicht umsonst habe ich dir das gesagt“ (statt: nicht ohne Grund). „Du klagst nicht umsonst“ (statt: nicht vergeblich). Und eben „nicht umsonst schickten sie diese Kiste“ (statt: nicht zufällig).

„Umsonst“ heißt kostenlos, für nichts. „Nicht umsonst“ heißt also für Geld oder Gegenleistung. Es bringt keinerlei Gewinn, diese Wortbedeutung zu erweitern. Es wäre umsonst. Leo