Müßte ein Maler heute Pandora samt ihrer unheilbergenden Büchse neu porträtieren, er würde die mythologische Dame vermutlich mit einer Spraydose in der Hand abbilden. Fast ein Jahrzehnt währt nun schon der Kampf um die Dose – korrekter: der Streit um die Schädlichkeit von Sprühdosen-Treibgasen der Fluorkohlenwasserstoff-Gruppe. Denn diese FKW, wie sie im Fachjargon kurz heißen, sollen den Strahlen-Schutzschild der Atmosphäre, die sogenannte Ozonschicht, zerstören. Da führen Umweltschützer Kreuzzüge gegen Hersteller und Verwender der Fluorkohlenwasserstoffe, da wehrt sich die Industrie mit verharmlosenden Studien.

Doch bis heute gelang es den Wissenschaftlern nicht, den Streit durch Vorlage harter Fakten endgültig zu entscheiden. So bleibt die Unsicherheit, so geht der Streit auch nach dem jüngsten Ozon-Treffen weiter, das die American Chemical Society im April in Las Vegas veranstaltete.

Dort berichtete der amerikanische Chemiker Sherwood Rowland über ebenso bedenkliche wie zweideutige neue Erkenntnisse: Im Lauf der letzten acht Jahre erhöhte sich der Gehalt an „FKW-12“, dem Hauptvertreter der Fluorkohlenwasserstoffe in Treibgasen, um zwanzig Prozent obwohl die Produktion für die meisten Treibgase dieser Klasse in den Vereinigten Staaten, aber auch in einigen anderen Ländern, in den letzten Jahren verboten wurde.

Rowland, der als Vater der Hypothese von der Ozonzerstörung durch Fluorkohlenwasserstoffe gilt, hatte die Treibgase schon 1974 in Verdacht. Sind die Spraytreiber einmal entwichen, treten sie einen Jahre währenden, langsamen Höhenflug bis in etwa 50 000 Meter Höhe an. Dort, in der Stratosphäre, werden die Moleküle durch die intensive ultraviolette (UV-)Strahlung der Sonne zerbrochen. Dabei werden Chloratome frei, die dann die aus drei Sauerstoff-Atomen bestehenden Ozon-Moleküle zerstören (der von uns aus der Luft eingeatmete Sauerstoff hat sich zu zweiatomigen Molekülen zusammengeschlossen). Die Ozonschicht bildet den einzigen natürlichen Schutzmantel gegen die kurzwelligen, „harten“ UV-Strahlen. Treffen sie ungehindert auf die Erdoberfläche, bedrohen sie die Existenz der dort lebenden Organismen. Wir Menschen etwa würden durch ein ungehemmtes Strahlenbombardement sehr viel häufiger als jetzt an Hautkrebs erkranken.

Rowlands jüngste Daten über die FKW-12-Zunahme in der Atmosphäre lassen sich jedoch nur schwerlich mit den neuesten Ergebnissen des National Research Councils (NRG) der Vereinigten Staaten vereinbaren. Der Nationale Forschungsrat war noch 1979, in einer umfassenden Dokumentation, von einer zwanzigprozentigen Verminderung der Ozonschicht in den folgenden hundert Jahren ausgegangen. Nun aber zwangen neue Erkenntnisse über die Reaktionsgeschwindigkeit der Fluorkohlenwasserstoffe die NRC-Experten, ihre damaligen Berechnungen zu revidieren: Ihre jetzt veröffentlichte Studie sagt nur noch einen fünf- bis neunprozentigen Ozonverlust für das nächste Jahrhundert voraus.

Ohne Einschränkungen gelten allerdings die Befürchtungen um die gesundheitlichen Schäden einer steigenden UV-Strahlendosis weiter: „Daß eine Ozon-Verringerung zu einem Ansteigen der kurzwelligen UV-Strahlen führt und diese zu einem Ansteigen von Hautkrebsfällen, ist absolut sicher“, betont der Biophysiker Richard Setlow, Vorsitzender des NRC-Committee for Biological Effects. Ein Prozent weniger Ozon ließe, Berechnungen zufolge, die Zahl der bösartigen Hautkrebserkrankungen (ausgenommen Melanome) allein in den Vereinigten Staaten um 25 000 bis 50 000 Fälle pro Jahr ansteigen; das sind fünf bis zehn Prozent mehr als heute.

Die NRC-Experten fanden eine überraschende Erklärung für die postulierte Hautkrebszunahme: Offensichtlich schwächt die UV-Strahlung das Immunsystem von Mensch und Tier. Bereits ein leichter Sonnenbrand hemmt die Beweglichkeit und Reaktionsfähigkeit der menschlichen Lymphozyten, der „Gesundheitspolizei“ des Körpers, für mehr als 24 Stunden. Eine ähnliche Schwächung des Immunsystems konnte bei Tieren nachgewiesen werden. Vor allem diese Ausfälle in der körpereigenen Abwehr, so vermuten Setlow und sein Team, führen zum unkontrollierten Wuchern jener durch UV-Einwirkung entarteten Hautzellen. Denn ein voll funktionsfähiges Abwehrsystem könnte derart, geschädigte Zellen normalerweise noch vernichten.