Von Hans-Peter Riese

Wenn sich Jiři Götz, der Botschafter der Sozialistischen Tschechoslowakischen Republik in der Bundesrepublik, im Auswärtigen Amt anmeldet, dann richtet man sich dort auf eine Beschwerdestunde ein. Stets beginnt die Litanei der Vorwürfe mit einer Aufzählung unfreundlicher Presseberichte über die Tschechoslowakei, und nicht selten gerät der Vortrag zu undiplomatischer Schimpferei.

Jiři Götz, seit 1974 Botschafter seines Landes in Bonn, erscheint als ein nicht untypischer Vertreter seines Landes, das in allen westlichen Hauptstädten als außerordentlich „schwierig“ gilt. Die Beziehungen Bonns zu Prag werden im Auswärtigen Amt sogar offen als „Trauerspiel“ bezeichnet. Selbst Hans-Dietrich Genscher, nimmermüder Konsultationsreisender, hat zunehmend Mühe, Gesprächsthemen für seinen Amtskollegen Chnoupek zu finden, die dieser nicht von vornherein als Einmischung betrachtet. Chnoupek bemüht sich international um Kontakte, ohne in Prag für deren kontinuierliche Pflege Rückendeckung zu haben.

Als der Bundesaußenminister im Dezember 1980 nach zähem diplomatischen Ringen einen Kranz für die in der Tschechoslowakei begrabenen deutschen Soldaten niederlegen konnte, äußerte er die Bitte, an dieser Stelle möge ein schlichter Gedenkstein gesetzt werden. Nach einem Jahr, Chnoupek war zum Gegenbesuch in Bonn, verkündete der tschechoslowakische Außenminister freudestrahlend, in eben diesen Minuten des Gesprächs werde der Stein aufgestellt. Die deutsche Botschaft konnte ihn am nächsten Tag allerdings ebensowenig entdecken wie im Jahr zuvor.

International leidet Prag noch immer unter den Folgen der „brüderlichen Hilfe“ vom 21. August 1968 und den politischen Maßnahmen der sogenannten „Normalisierung“, die der Nachfolger Alexander Dubčeks, Gustav Husák, 1969/70 eingeleitet hat. Der Generalsekretär der KPČ, als Nachfolger Ludvik Svobodas auch Staatspräsident seines Landes, ist in den nunmehr 13 Jahren seiner Amtszeit nur einmal im westlichen Ausland gewesen – 1978 in Bonn.

Dafür erfreut sich die Prager Führung, die seit Mitte der siebziger Jahre gänzlich unverändert ist, der besonderen Wertschätzung Leonid Breschnjews. „Wenn Ungarn nach der Katastrophe 1956 zum Produkt eines Sozialismus à la Chruschtschow wurde, so ist die Tschechoslowakei nach 1968 ein typisches Beispiel des real existierenden Sozialismus unter Breschnjew“, hat einmal ein Beobachter angemerkt. Breschnjew erschien im vergangenen Janr als einziger Ostblockführer zu Husáks Parteitag und ließ dabei keinen Zweifel an seiner Einschätzung der Prager Genossen. „Der Sieg über die Kräfte der Konterrevolution im Jahre 1968, die Fähigkeit, aus den damaligen Ereignissen tiefgreifende politische Schlüsse von langfristiger Bedeutung zu ziehen, dies ist gleichfalls kein geringer Beitrag der tschechoslowakischen Kommunisten zur Entwicklung des revolutionären Weltprozesses sowie ein riesiges Verdienst gegenüber allen Bruderländern.“

Dies war, im April 1981, vor allem an die Adresse Warschaus gerichtet. Tatsache ist, daß Husák seine „Normalisierungs-Politik“ in der Tschechoslowakei politisch und materiell bis heute nur durchhält, weil er sich der Rückendeckung des Kreml-Chefs sicher sein konnte. Diese Politik beruht, wie der ehemalige ZK-Sekretär in der Zeit des Prager Frühlings, Zdenek Mlynař, diagnostiziert, auf einem „neuen Gesellschaftsvertrag“ zwischen der Partei und der Bevölkerung. Die wesentlichen Elemente dieses „Vertrages“ sind von seiten der Partei die Garantie einer überdurchschnittlichen Versorgung und von seiten der Bevölkerung der Verzicht auf ein demonstratives politisches Engagement. Für die Mehrheit der Bürger der ČSSR bedeutete dies in der Konsequenz den totalen Rückzug in das Privatleben.