Von Rolf Michaelis

Rätselhaft wie der Titel sind die siebenunddreißig kurzen, selten über mehr als anderthalb Seiten ausgreifenden Geschichten der 1944 in Zürich geborenen Erzählerin -

Rahel Hutmacher: „Dona“, Geschichten; Luchterhand Verlag, Darmstadt, 1982; 98 S., 17,80 DM.

Die Dona, deren Name wie ein Echo der südländischen „Donna“ (Frau) klingt, ist selber eine Frau.

Stimmt das? Ist die alte, zugleich junge Dona eine Frau? Ist die Dona, die mal „im Farn sitzt“, mal „in die Mandelhecken geht“, die mit den Bienen redet, die den Schlaf macht und das Wetter, nicht eher ein Naturwesen? Als „Sturm“ kommt sie, als „schwarze Wolke“, hat aber auch eine „rote Bärenzunge“, mit der sie „Ameisen vom Boden aufleckt“.

Es gibt in den faszinierenden, die Phantasie des Lesers entzündenden Prosageschichten keine Sicherheit außer der, daß nichts hier sicher ist. Und doch ist in diesen klug, genau gebauten Geschichten nichts vage, nichts beliebig. Nur die rationale Gewißheit, mit der wir uns im Alltag mit Gleichheitszeichen zurechtfinden, treuherzig behaupten: dies ist, dies bedeutet – die geht bei der Lektüre der Geschichten von Rahel Hutmacher sacht (doch nachhaltig) verloren.

Also wäre die Dona keine Frau? Oder ist sie Urbild aller Frauen – eine der archaischen, mythischen Gestalten, zu denen Goethe seinen Faust schickt, wenn er ihn zu den „Müttern“ hinabsteigen heißt – woran die Widmung dieses Buches („Für meine Mütter“) denken läßt? Da verwandelt sich der Titel, klingt „Dona“ plötzlich wie der Imperativ des lateinischen Verbs „donare“ (schenken, geben), der in der Anrufungsformel des Gebets („dona nobis pacem“) aus der katholischen Messe noch in unserer Sprache lebt. Kommen zur Dona nicht Frauen, um Rat zu suchen, um Fragen zu stellen, um das zu finden, was als „Lebensnilfe“ gern verspottet wird? „Kannst du mich lehren, wie man Hemden aus Nesseln webt“, bittet die Ich-Erzählerin die Dona. Ihren Namen, „Dona“, aussprechen, heißt eine Gabe, heißt Hilfe erflehen.