Die Organisation, deren Hauptvertreter sich vor wenigen Tagen öffentlich wie ein Haufen wildgewordener Stammtischpolitiker geäußert haben, heißt "Bundesärztekammer" – "Kammer", nicht "Verein" oder gar "Partei". Der Präsident der Bundesärztekammer, Kanten Vilmar, hat offenbar noch nicht kapiert, was Kammern tun sollen und was nicht. Als er jüngst auf dem Deutschen Ärztetag mit eifernder Polemik für einen größeren Anteil der Ärzte am Kuchen der von der Sozialversicherung verteilten. Einkommen focht und sich dabei zu Bemerkungen wie der verleiten ließ, SPD und FDP hätten "in geradezu gigantischem Ausmaß Sparkapital verfrühstückt" – als er mit diesen und anderen Parolen um sich warf,, war Vilmar offenbar nicht im Bilde.

Vilmar hatte jenes noch recht junge Urteil des Bundesverwaltungsgerichts vergessen, in dem der Landesärztekammer Schleswig-Holstein untersagt worden war, politische Polemik zu verbreiten. Dieses Urteil hatte ein Arzt erstritten, der es leid war, in der Zeitschrift seiner Landesärztekammer unentwegte Meinungen lesen zu müssen, die er nicht teilte. Sein zutreffendes Argument: Kammern leben von den Zwangsbeiträgen ihrer Mitglieder; sie operieren im öffentlich-rechtlichen Raum und sind von daher in ihrer Meinungsäußerung zur Sachlichkeit verpflichtet.

Selbst Landwirtschaftskammern gebärden sich längst nicht mehr wie derzeit die Bundesärztekammer. Und würde sich Vilmar gar an Otto Wolff von Amerongen messen, dem Präsidenten der Dachorganisation aller Industrie- und Handelskammern, so müßte er sich ziemlich klein vorkommen: Von dessen cleverer, im Ton zurückhaltender und dabei überaus effizienter Kammerpolitik können Vilmar und seine Kollegen noch unendlich viel lernen.

Die "Konzertierte Aktion" im Gesundheitswesen, an der die Ärzte auch im Hinblick auf ihre Einkommen lebhaft interessiert sein müßten, wird durch Miß-Veranstaltungen wie dem Deutschen Ärztetag nicht leichter – selbst wenn Albert Holler, der führende Bonner Gesundheits-Beamte, meint, man werde sich auch künftig zusammensetzen können.

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Bundesbauminister Dieter Haack mag manch einen an einen Mann erinnert haben, der im dunklen Wald laut vor sich hin pfeift, um sich Mut zu machen. Am liebsten würde er die desperate Baukonjunktur, deren Ursachen er zwar nicht zu verantworten, deren Folgen für die Wohnungsversorgung er jedoch von der Ressortzuständigkeit her tragen muß, für beendet erklären. Weil das aber leider so einfach nicht geht, versucht er es mit trotzigen Appellen: Baut, Leute, es ist die rechte Zeit dafür.

Bei Hypothekenzinsen von immer noch gut über neun Prozent mag ein solcher Appell zunächst erstaunlich wirken. Und doch: Haacks Überlegungen haben etwas für sich. Wer mit seinem Bau wartet, weil er sich noch eine günstigere Finanzierung zu verschaffen hofft, riskiert einen Anstieg der derzeit noch stagnierenden und zum Teil sogar rückläufigen Bau- und Grundstückskosten. Was er dabei verlöre, könnte womöglich selbst der schönste Zinsgewinn (der ohnedies noch in den Sternen liegt) nicht ausgleichen.