Sehenswert

„Meine liebe Rabenmutter“ von Frank Perry. „Keine Drahtbügel! Drahtbügel nie und nimmer!“; „Tina, bring mir die Axt!“: Kernsätze (mit schriller Stimme geschrien von Faye Dunaway als Joan Crawford), die unbedingt in das Schatzkästlein unvergeßlicher Kinoaussprüche gehören. „Mommie Dearest“ (Originaltitel) ist die Verfilmung des autobiographischen Bestsellers, in dem Joan Crawfords Adoptivtochter Christina die legendäre Hollywood-Diva als machthungrige, mannstolle Alkoholikerin und als fanatische Verfechterin von Sauberkeit, Ordnung und Disziplin beschrieb, die bei nichtigen Anlässen ihre Kinder grausam quälte. Es ist weder eine Glamourshow noch eine Starbiographie geworden, vielmehr ein höhnisches Hollywood-Horrormärchen, das die berühmte Mutter zugleich als gute Fee und böse Hexe präsentiert. Und das man charakterisieren könnte als wahnwitzige Kombination von „Solange ein Herz schlägt“ („Mildred Pierce“: jenes Melodram blinder Mutterliebe, für das Joan Crawford 1945 den „Oscar“ als beste Darstellerin erhielt) und „Zwangsjacke“ (William Castles Psychothriller, ihr viertletzter Film, in dem sie eine axtschwingende psychopathische Mörderin spielt). Ein Katalog des Wahnsinns, zusammengestellt aus Schlüsselszenen des Buches. Eine gespensterhafte Farce, die durch Faye Dunaways exzessive Darstellung der Crawford-Rolle (halb Kurtisane, halb Attila der Hunne) zu einer „tour de force“ von mitunter: unfreiwilliger Komik gerät: Grandioser Horrorkitsch mit Goldfand, der alle Chance hat, zu einem Kultfilm zu werden. Helmut W. Banz

Annehmbar

„Flucht oder Sieg“ von John Huston ist ein etwas abstruser Fußball- und Faschismusthriller, in dem eine deutsche Top-Elf im besetzten Paris des Jahres 1943 zum Match antritt gegen eine Auswahl alliierter Kriegsgefangener (allesamt ehemalige Profispieler, die diese Gelegenheit zur Flucht benutzen wollen). Huston, der vor mehr als vierzig Jahren mit „Der Malteser Falke“ sein Regiedebüt gab, hat in seinem sechsunddreißigsten Film die Klischeefiguren alter Gefängnislager-Melodramen, wo ausgesuchte „Charakterdarsteller“ mit Humor und Heroismus auch aussichtslose Situationen meisterten, aufgegriffen und ins Absurde übersteigert: Max von Sydow als ritterlicher Sportsfreund unter arroganten Nazis; Michael Caine als proletarischer Pragmatiker unter snobistischen englischen Offizieren und Sylvester Stallone als draufgängerischer Yankee, der ständig vor neue Bewährungsproben gestellt wird. Wenn man akzeptiert, daß etwaige Ähnlichkeiten mit der Wirklichkeit wirklich rein zufällig sind, dann läßt sich diese bizarre Mischung aus „The Great Escape / Gesprengte Ketten“ (Der Wille zur Flucht) und „Rocky“ (Der Wille zum Sieg) als unterhaltsamer „Flucht“-Film (im doppelten Sinne des Wortes) goutieren. Besonders im kuriosen Finale, wo legendäre Fußballprofis (Pelé, Bobby Moore, Mike Sommerdee, Osvaldo Ardiles, Kazimierz Deyna und andere) mit artistischen Ballaktionen brillieren. Helmut W. Banz

Mittelmäßig

„Feine Gesellschaft – Beschränkte Haftung“ von Ottokar Runze. Diese Gaunerkomödie beginnt ganz aktuell Polizisten schleppen Leute aus einem besetzten Haus. Alle lassen’s mit sich geschehen, nur die Stadtstreicherin Else protestiert – rührend-naiv die 85jährige Elisabeth Bergner. Ortswechsel. Eine Bankfiliale wird von zwei Gaunern (Vadim Glowna, Gerhard Olschewski) beraubt. In den Genuß des Geldes freilich gelangen sie nicht. Durch eine Kette von Verwechslungen – sc ist es nun einmal in Komödien – kommt ihnen das Geld gleich wieder abhanden. Ortswechsel. Eine noble Villa an Hamburgs Elbchaussee: dort tauchen sie wieder auf, die Stadtstreicherin und das Gaunerduo, dazu ein versoffener Tippelbruder (Heinz Schubert). Eine reiche Unternehmerin (Lili Palmer), Elses Schwester, soll beraubt werden, wovon Else natürlich nichts weiß, und die Gauner wissen nicht, daß die Unternehmerin, wenn auch erst seit ein paar Minuten, genauso arm ist wie ihre Schwester. Bis zum zweiten Ortswechsel hat die Handlung noch Tempo und Witz. Die Belagerung der Villa allerdings ist langatmig, das Zusammenspiel der Darsteller spannungslos. Etwas zu lachen gibt es kaum. Da helfen auch die musikalischen Ein- und Ausfälle am Klavier nicht. Daß Hardy Krüger als echter Hamburger Schipper auftaucht, ist völlig überflüssig. Man weiß ja, wie er lächelt, zum kühlen Bier.

Anne Frederiksen