Von Wolfgang Pehnt

Mit Schloß oder Kirche, Hochhaus oder Villa in die Baugeschichte einzugehen, war vielen Architekten vergönnt. Hugo Häring hat sich seinen Platz in der Architekturhistorie mit einem Kuhstall verschafft. Der steht (und nicht viel hat gefehlt, daß man schreiben müßte: er stand) an einem idyllischen Gewässer Ostholsteins, dem Pönitzer See, und wurde in den Jahren 1924/25 nebst einer Scheune und einem Geräteschuppen entworfen und gebaut. Die drei roten Ziegelbauten mit ihren weißen Betonbändern und schwarzbraun imprägnierten Holzverschalungen, ihren geschwungenen und rechtwinkligen Grundrissen, ihren ruhenden und bewegten Massen waren als Teile einer umfangreichen Hofanlage gedacht. Ein aus den USA zurückgekehrter experimentierfreudiger Landwirt hatte sie samt Herrenhaus und weiteren Stallungen bei dem Berliner Architekten in Auftrag gegeben. Es blieb aber bei den drei Solitären, die gleichwohl eine Gruppe bilden und sich in der Parklandschaft der Holsteinischen Schweiz fremdartig und zugleich anheimelnd-zugehörig ausnehmen.

Dieses Gut Garkau ist zu einem jener Bauten geworden, die das Nachdenken anregen. Schon die kleine schlechte Abbildung, die damals Gustav Adolf Platz drei Jahre später in seine „Baukunst der neuesten Zeit“ aufnahm, hat manchen jüngeren Zeitgenossen neugierig gemacht. Nach Härings Tod 1958 veröffentlichte Jürgen Joedicke den Gutshof aufs neue und machte danach Werk und Schriften zugänglich. Soweit es sich um gebaute Architektur handelt, erwies sich das Œuvre als schmal: ein paar Privathäuser, Umbauten, Reihen- und Etagenhäuser in Berlin, die jetzt verwahrlosten Wohnungen in der Wiener Werkbundsiedlung. Gäbe es nicht Garkau, wäre Häring im Gedächtnis der Nachwelt ein Mann der Theorie geblieben, ein Grübler, einer, der selbstverständliche Dinge kompliziert machte. Seitdem er während des Zweiten Weltkrieges in seine oberschwäbische Heimat zurückgekehrt war, entstanden nur noch zwei Wohnhäuser in Biberach. Entgegen allem Nachkriegsbrauch schieben sie Bauteile schiefwinklig der Nachmittagssonne entgegen und bergen unter ihren barackartigen Pultdächern spannungsvolle Raumfolgen.

Häring starb, wo er geboren worden war, in Biberach. Sein in sich gekehrtes und am Ende von langer Krankheit überschattetes Leben kontrastiert mit den offiziellen Rollen, die er innehatte. In den späteren zwanziger Jahren organisierte er die Aktivitäten der legendären Avantgardistengruppe „Der Ring“ als Sekretär und diente der deutschen Sektion der internationalen Architektenvereinigung CIAM. Auf diesen Schauplätzen verfocht er seine eigene, höchst eigenwillige Lesart der neuen Architektur. Unserer Zeit, die viel mit Formen handelt, aber wenig von Gestalt wissen will, gibt die graue Eminenz der deutschen Moderne manche Nuß zu knacken auf.

In seinen anspruchsvoll formulierten Schriften ging Häring von dem aus, was er die „Wesenheit des Objektes“ nannte. Den Dingen schrieb er (wie später der große amerikanische Architekt Louis Kahn) einen „Gestaltwillen“ zu, den der Architekt als einfühlsamer Beistand durchzusetzen helfe. Dank seiner Mitwirkung baut sich die Seele der Dinge ihr Gehäuse sozusagen selbst und differenziert es entsprechend den an sie gerichteten Leistungsanforderungen. Dinge – und somit auch Bauten – sind nicht länger tote Gegenstände, sondern Organe eines alles durchpulsenden Lebenswillens. Der Architekt tritt nicht als bestimmender und entscheidender Baumeister auf, sondern als hegender und pflegender Gärtner, der die Bestformen züchtet, oder als behutsame Hebamme dessen, was zum Leben drängt.

In seinen Entwürfen legte sich Häring nicht, wie es der Wortgebrauch seiner Essays vermuten lassen könnte, auf organhafte Naturformen fest. Auch Maschinen, auch technische Gebilde waren für ihn Geschöpfe der Natur, wenn er ihnen später auch eine lediglich vorbereitende Rolle in der Hierarchie der Gestaltungen zuerkannte. Den Architekten Häring jedenfalls hat die Untersuchung zweckmäßiger Abläufe, der Lichtführung, der Orientierung, besonders aber der Verkehrswege, die sich je nach ihrer Beanspruchung erweiterten oder verengten, zu gänzlich undoktrinären Grundrissen und Baumassen geführt. Im Viehhaus des Gutes Garkau waren die Kühe, zweiundvierzig an der Zahl und kein Stück weniger oder mehr in birnenförmig angeordeneten Ständern aufgestellt, der Zuchtbullle an der Schmalseite im An- gesicht seines Harems. Das Rauhfutter fiel von oben auf den zentralen Futtertisch. Mist konnte in einem Arbeitsgang ohne Umkehr beseitigt werden.

Wenn aber die Funktionsanalyse rechtwinklige Grundrisse nahelegte, war Häring der letzte, der den Bauwerken „organisch“ geschwungene Formen aufgenötigt hätte. Es wäre ihm als ein neuer äußerer Zwang erschienen, als ein Verstoß gegen den Grundsatz, die Gestalt der Dinge sich aus ihren inneren Bedingungen entwickeln zu lassen. Häring kam es darauf an, die Individualität des Architekten hinter der Individualität des Werkes zurückzunehmen. Daß sich mögliche Konflikte, der Streit zwischen Wirtschaftlichkeit und Materialgerechtigkeit, zwischen Konstruktionsaufwand und Zweckmäßigkeit und auch die Konkurrenz von Zwecken untereinander beheben ließen, gehörte zu den optimistischen Annahmen dieser optimistischen Jahre. Die frühe Moderne glaubte an die widerspruchsfreie Einheit alles Menschenwerks.