So recht Handfestes hat die neue Berliner Stadtverwaltung noch nicht vorzuweisen; so ist es nicht erstaunlich, daß eine Initiative des Senators für Wissenschaft und kulturelle Angelegenheiten Wilhelm A. Kewenig für die mittlere Aufgeregtheit der Sommersaison sorgt: Es könnte, was er da plant, das erste beispielhafte Vorzeigbare der CDU-Herren werden – ein neues kulturelles Zentrum. Warum mächt eine vernünftig scheinende Angelegenheit Wirbel?

Da geht allerlei durcheinander. Zuerst ertönte der Schreckensruf, Walter Höllerers Literarisches Colloquium, viele Jahre hindurch eine Stätte literarischer und filmischer Produktion, solle geschlossen werden. Falsch. Das Haus am Sandwerder bleibt, wenn auch der bisher recht üppige Gehalts-(nicht der Projekt-)Etat gekürzt wird.

Die nächste Alarmnachricht verbindet sich mit dem Namen Tucholsky. Dessen Geburtshaus, plakettengeschmückt, steht noch in Moabit – eine jämmerlich verkommene Mietskaserne, in deren ofenbeheizten und klolosen Wohnungen über zweiundzwanzig Parteien wohnen. Seit sieben Jahren gibt es einander widerstrebende Bemühungen, das Haus entweder ganz zu sanieren (zu teuer) oder ein, zwei Wohnungen herzurichten (technisch unmöglich), um dort eine würdige Kurt-Tucholsky-Gedenkstätte einzurichten; die Witwe Tucholskys und eine (von Gerhard Zwerenz und einigen seiner Mitstreiter gegründete) ihr nicht wohlgesonnene "Kurt-Tucholsky-Initiative" fielen sich da gegenseitig in den Arm, Nachlaßstücke des berühmten Berliners lagern in der Akademie oder in Depots.

Den Wirrwarr der Kompetenzen, Haushaltsprobleme und literarischen Eifersüchteleien versucht mit der für ihn typischen Gelassenheit Wilhelm A. Kewenig zu entzerren: statt der sentimental wohl richtigen Lösung (obwohl niemand weiß, in welcher Wohnung Kurt Tucholsky eigentlich geboren wurde, der dort nur die ersten paar Monate seines Lebens zubrachte) eine kulturell sinnvolle. In der Fasanenstraße, fast Ecke Kurfürstendamm, liegt ein Ensemble von drei Stadtvillen der Gründerzeit. Die verrotteten Häuser, Eigentum eines Kaufhauskonzerns, stehen unter Denkmalschutz; eines davon, mit herrlichem Stadtgarten unter alten Kastanien, Glasveranden und schönen Räumen, war der "Wintergarten".

Hier will Kewenig sein Kulturzentrum errichten – und zwar um den "Kern" einer Kurt-Tucholsky-Gedenkstätte (und keineswegs, so erklärt er verbindlich, den "Ausgewogenheits"-Gedanken einiger Scharfmacher seiner Partei aufgreifen und daneben ein Gottfried-Benn-Zimmer einrichten). Kewenig ist ein unabhängiger Kopf, ein unaufgeregter Politiker, und sein Plan macht Sinn: An einer der hervorragendsten Stellen des Kurfürstendamms – sozusagen Balance zur weiter unten gelegenen Schaubühne – wird der alte "Wintergarten" auferstehen; ein literarisches Café, eine Buchhandlung, ein Konferenz- oder Vorlesungsraum, eventuell mit einer kleinen Bühne, Clubräume für allerlei Veranstaltungen, vielleicht eine Kneipe. Tucholsky wäre endlich aus dem Exil geholt, die seinerzeit von Zwerenz in Schweden erworbenen Möbel (inzwischen Eigentum des Senats) und vielerlei Dinge aus dem Rottacher Kurt-Tucholsky-Archiv gäben dem Ort Zentrum und Würde. Warum soll, was mit dem Café Einstein in Henny Portens Villa gelang, hier nicht gelingen? Gedacht ist an die Nachbarschaft eines Verlages, der seine eigene Magnetwirkung hätte (ich könnte mir da Wasenbach und seine Autoren gut vorstellen); gedacht ist an Wohnungen für Künstler, die Berlin besuchen.

Gedacht. Aber noch nicht zu Ende gedacht. Schuldig ist Senator Kewenig noch ein ausgearbeitet, inhaltliches Konzept – und den Mann. Ein so ehrgeiziges Projekt steht und fällt nun einmal mit dem Ideenreichtum, dem einfallsfreudigen Mut zum Risiko des Mannes, der es leitet (der Frau, die...).

Es fehlt aber auch noch das Placet des Finanzsenators – und des stets zögernden Regierenden Richard Weizsäcker. Er täte gut daran, dem verunzierten Ku’Damm durch Entschiedenheit diese etwas angenehmere Attraktion zu verschaffen.

Fritz J. Raddatz