Immer mehr Menschen sterben. Immer mehr Menschen werden geboren. Und immer mehr Menschen kommen zu spät. So weit, so logisch. Interessant wird die Gleichung erst, wenn man erfährt, daß auch in den zeugungsunfrohen westlichen Ländern die Zahl zu spät kommender Bürger in sprunghafter Vermehrung begriffen ist. So erscheinen in Lübeck, Liechtenstein und New York zwar immer weniger Menschen, diese jedoch immer häufiger zu spät zu Arbeit, Kinderhort, Manöver und wo sonst noch Pünktlichkeit empfohlen.

In Amerika, wo man ja gern ein bißchen übertreibt, ist Zuspätkommen, kaum daß die letzte Jogging-Leiche verscharrt, schon die neueste Seuche. Wie im renommierten amerikanischen Wochenmagazin U. S. News & World Report jetzt zu lesen, gibt es wahrlich Anlaß zur Beunruhigung. Leute, die auf sich halten, versäumen die Show und treffen erst zum Finale ein, bei Konzerten zählen allein die Stücke nach der Pause, und von Othello sieht man sich grundsätzlich nur noch den letzten Akt an.

Auch für intime Cercles gilt: Je später, desto origineller, und wer eine Mitternachtsorgie plant, tut gut daran, die fashionablen Gäste schon zum Kaffee zu laden. Wichtige Konferenzen platzen, bei Vorträgen bleibt der Saal bis kurz vor der Pointe leer, und Flugzeuge heben erst gar nicht ab, weil zur angegebenen Zeit kein Passagier an Bord ist.

Da time im Amerikanischen bekanntlich Geld bedeutet, sind verschwendete Minuten allerdings auch verschwendete Moneten. Sollte hier eine Erklärung für das wundersame Loch in der amerikanischen Haushaltskasse zu finden sein? Und für Schlimmeres noch?

Wachstumskrise, Atomraketen, Umweltvernichtung, und immer mehr Menschen unpünktlich – sollte da nicht ein Zusammenhang bestehen? Schon die Römer gingen unter, weil sie am Ende dekadent und zeitlos wurden, wie eine große deutsche Sonntagsillustrierte zu berichten wußte. Historische Parallelen, die betroffen machen. Unpünktlich in den Abgrund?

Was sich so harmlos als Mode gibt, als flüchtiges Spiel der Tage, ist in Wahrheit ein fundamentales Problem. Psychologische Erklärungsversuche, wie sie Pierre C. Haber, der Vorsitzende der amerikanischen Psychology Society in U. S. News & World Report feilbot, werden da nichts fruchten. Natürlich kommen Leute zu spät, weil sie dumm, frech, faul und falsch sozialisiert sind. Natürlich verpassen sie den Termin beim Zahnarzt aus Angst. Natürlich kommen sie zu spät zum Essen, weil sie satt und fett und keinen Hunger haben und als Kinder immer essen mußten, was auf den Tisch kam. Natürlich lassen sie Freund und Freundin hängen, weil sie Komplexe haben, und kommen zur großen Augustgartengurkenfete zuletzt, weil sie natürlich in Gastgeber, August, Garten und Gurken alles mögliche Schreckliche hineinprojizieren. Aber das erklärt nichts.

Die Erklärung liegt woanders. Sie liegt in dem Zusammenhang zwischen Unpünktlichkeit und Endzeit. Hat man dies erkannt, öffnet sich das Tor zum blanken Nichts. Was ist heute noch Zeit? fragt sich erschüttert der Betrachter. Wo bleibt das Sein? Sind wir nicht alle bedroht? Und die Demokratie? Müssen nicht neue Gesetze her? Kein Zweifel: Zuspätkommen ist wie Hausbesetzen oder Nacktbaden Ausdruck und Teil der großen Krisis des modernen Bewußtseins.