Von Hansjakob Stehle

Schillernd wie eh und je, scheint das Thema auch nach dreißig Jahren noch immer aktuell zu sein; vergessen ist jedoch der Name des Mannes, der die Parole „Neutralisierung“ zum erstenmal in die Debatten der deutschen Nachkriegspolitik geworfen hat: Ulrich Noack (1899-1974). Immerhin in war es damals als „das gefährlichste Trojanische Pferd des Ostens im Westen“ bezeichnet worden; sogar eine Große Strafkammer wurde bemüht, um den Vorwurf zu untersuchen.

Als junger Lokalreporter in Würzburg war ich dabei, als Professor Noack fünf Wochen lang den Gerichtssaal zum Forum zeitgeschichtlicher Wahrheitsfindung zu machen suchte – er, der politisch passionierte Historiker, der seinem Ankläger Rudolf Pechel (Herausgeber der Deutschen Rundschau) die juristisch günstigere Ausgangsposition verschafft hatte: Statt selbst Pechel zu verklagen und in Beweisnot zu bringen, hatte Noack seiner. Gegner als „Lügner“ beschimpft, sich verklagen lassen und hatte nun seinerseits einen Beweis zu erbringen, daß er kein „Trojanisches Pferd“ Moskaus war.

Am 27. Mai 1952 wurde Noack zu 800 Mark Geldstrafe und Zahlung von fast zwanzigtausend Mark Verfahrenskosten verurteilt – wegen Beleidigung und übler Nachrede. Hingegen blieb die üb-Verdächtigung gegen Noack gerichtlich ungeklärt; sie war zwar mit unzähligen Akten und Zeugen hin- und hergewendet worden, doch entzogen sich die Richter wohlweislich einem historisch-politischen Urteil – „da wir noch inmitten der Ereignisse stehen“, so schrieben sie in die Urteilsbegründung. Das mag, juristisch betrachtet, noch immer gelten; doch heute, da das alte Gespenst des „Nationalneutralismus“ neu durch deutsche Träume und ausländische Ängste geistert, lassen sich beim Blättern in jenen Prozeßakten und anderen heute zugänglichen Dokumenten Erkenntnisse, zumindest Kenntnisse gewinnen, an denen es mancher Debatte mangelt,

Wer war Ulrich Noack? Was ließ ihn in einem Deutschland, das von den Siegermächten besetzt und gespalten, aber noch nicht staatlich geteilt worden war, die Neutralisierungsidee aufgreifen? Aus Greifswald, wo er Geschichte dozierte und die Christlich-Demokratische Union der sowjetisehen: – Besatzungszone mitbegründet hatte, war Noack im Dezember 1945–ohne russische Papiere – zum ersten „gesamtdeutschen CDU-Kongreß“ nach Bad Godesberg gereist. Der von den Amerikanern eingesetzte Ministerpräsident „Großhessens“, Professor Karl Geiler, wurde auf ihn aufmerksam und engagierte ihn als politischen Berater, bis er im November 1946 auf den Lehrstuhl für Neue Geschichte nach Würzburg berufen wurde.

Zu dieser Zeit begannen sich zwar Moskau und die Westmächte über die politische, also staatliche Zukunft Deutschlands zu zerstreiten, noch aber waren sie sich im Grundsatz einig, daß die Deutschen entwaffnet, also militärisch neutralisiert bleiben sollten. Den Entwurf eines Vertrags, durch den die vier Mächte die deutsche Entmilitarisierung garantieren sollten, leitete der amerikanische Außenminister Byrnes schon im Dezember 1945 nach Moskau; das Projekt blieb bis zum Frühjahr 1947 auf der Tagesordnung. Es entsprach auch der Grundstimmung der großen Mehrheit der Deutschen, die damals hungernd und fast hoffnungslos die „Stunde Null“ nach Hitlers Krieg überlebten.

Während die Westmächte in ihren Zonen die „Umerziehung“ der Deutschen zur parlamentarischen Demokratie in Gang setzten und – vor allem die USA – wirtschaftliche Starthilfe leisteten, förderte Stalin die allmähliche Machtübernahme durch Kommunisten in seinem neu gewonnenen Vorfeld zwischen Bug und Elbe, Ostsee und Schwarzmeer. Er verlangte für die ökonomisch erschöpfte Sowjetunion Kriegsentschädigung (Reparationen, Demontagen, Produktionsanteile) nicht nur aus „ihrer“ deutschen Besatzungszone, auch vom westlichen Deutschland. Vor allem aber bestand Stalin auf sowjetischer Beteiligung an der Kontrolle des Ruhrgebiets, dieser – ja nicht nur legendären – Waffenschmiede des Deutschen Reiches.