Von Werner Weidenfeld

Die Parteien können ihre Geschichte kaum sich selbst überlassen, denn diese Geschichte bleibt eingebettet in das Parallelogramm der parteipolitischen Erfolgszwänge. Um so wichtiger wird daher die systematisch-distanzierte, wissenschaftliche Analyse der Parteiengeschichte in der Bundesrepublik Deutschland. Vor diesem Hintergrund nimmt man einen Band zur Hand, dessen Gegenstand die Frühgeschichte der Union ist:

Gurland, A. R. L.: „Die CDU/CSU, Ursprünge und Entwicklung bis 1953“, hrsg. von Dieter Emig; Europäische Verlagsanstalt, Frankfurt/M, 550 S., 48,– DM.

Das Manuskript ist erst postum, rund 25 Jahre nach seiner Fertigstellung veröffentlicht worden: Es war im Jahr 1954 ursprünglich als Beitrag zu dem vom Institut für Politische Wissenschaft in Berlin erarbeiteten Band „Parteien in der Bundesrepublik“ gedacht. Der quantitative Umfang der Arbeit und tiefgreifende persönliche Differenzen am Institut verhinderten damals die Veröffentlichung. Gurland selbst lehnte dann später eine Publikation des Manuskripts ab, weil er es als unzureichendes Fragment empfand.

Gurlands Buch kann deshalb kaum als Analyse der deutschen Parteienlandschaft der frühen Nachkriegszeit besondere Aufmerksamkeit beanspruchen; dazu . bieten sich der Parteienforschung inzwischen weit bessere Quellenmaterialien. Es verdient Aufmerksamkeit als ein Schlaglicht auf eine bedeutende Facette der politischen Kultur des frühen Nachkriegsdeutschland.

Gurland, ein ganz mit der Arbeiterbewegung verbundener Journalist und Wissenschaftler, versucht mit akribischem Quellenstudium zu ergründen, wieso es den bürgerlichen Parteien damals trotz wirtschaftlicher und politischer Zuspitzungen gelang, immer mehr politische Resonanz auch in der Arbeiterschaft zu erhalten.

Gurlands Zugang zur Parteiengeschichte wird so typisch für eine normativ befangene Geschichtsbetrachtung. Er will letztlich nachweisen, wie sich die Union schon in ihren Anfängen von den eigentlichen Gründungszielen abgesetzt hat. Der Verrat an einem vermeintlich sozialistischen Traditionsstrom christlich-demokratischer Politik provoziert ihn zu emotionalen Ausflügen.