Von Manfred P. Joseph

Heroinverzehr, noch in den siebziger Jahren schlagzeilentrübes Konsumgebaren von Außenseitern, gehört inzwischen zum bundesrepublikanischen Alltag. Jeder vierte 25jährige hat heute Erfahrung mit Drogen, war schon mal „high“ mit Hasen oder „dicht“ mit Heroin. Jeder zehnte nimmt sie. In diesem Jahr sind im Computersystem des Bundeskriminalamts 50 000 Drogentäter registriert, die Dunkelziffer liegt, so das BKA, „weit darüber“. Jahr für Jahr werden den Opfern des weißen Pulvers Milliardenbeträge abgepreßt. Kassierer ist eine anonyme Drogenmafia, eine vielköpfige über alle Welt verstreute Schieber-GmbH. Die verbrecherische Pointe des Geschäfts ist der Mord: Letztes Jahr starben 360 junge Heranwachsende an einer Überdosis oder an schlechtem Stoff. In verdreckten Fixerwohnungen, tristen Bahnhofstoiletten, in Rinnsteinen setzten sich im Jahr davor noch 494 den „goldenen Schuß“. 1981 hatte das türkische Militär versucht, die Grenzen dichtzumachen; der Stoff wurde teurer und knapper.

Doch ein Ende des Leidens ist nicht abzusehen. „Von einem Silberstreif am Horizont, wie viele schon meinten“, so weiß es das Landeskriminalamt Stuttgart, „kann überhaupt nicht die Rede sein.“ Denn die Zahl der Drogentoten, darauf verweisen Wissenschaftler immer wieder, gibt keine verläßliche Auskunft über das wahre Ausmaß des Problems. Schlimmer noch: Fixer, Schmuggler, Händler und Rohstoffproduzenten bilden ein fest geschlossenes internationales System. Da gibt es kaum Aussteiger, beim Staatsanwalt klagende Opfer schon gar nicht. Es ist eine eigenständige Untergrundwirtschaft, in der alle verdienen – so lukrativ wie der illegale Waffenhandel.

Und ein Ende der Drogenhausse ist nicht abzusehen – im Gegenteil: „600 Tonnen Opium aus Südostasien, meist zu Heroin verarbeitet, drohen heuer den Markt zu überfluten“, prophezeit dunkel der letzthin veröffentlichte UN-Jahresbericht des Internationalen Suchtgift-Kontrollrates. Die fernöstliche Alptraum-Rekordernte fließt vor allem in den Westen: In den USA und Europa wird in den nächsten Monaten mehr Heroin zu haben sein, als jemals zuvor; bereits jetzt sinken in den Dealermetropolen die Preise, befürchten Kenner der „Scene“, daß mit Billigstoff scharenweise neue Süchtige herangezüchtet werden.

Polizisten, am heimischen Drogenmarkt ebenso tätig wie in Nah- und Fernost, wo der weiße Schlafmohn blüht, wissen auch, warum sie letztlich erfolglos sind: „Das Drogengeschäft läuft nach klassischen marktwirtschaftlichen Prinzipien ab.“ Der horrende Profit reizt die Investitionslust chinesischer, türkischer und französischer Händlersyndikate, verhilft Mohnbauern in den kargen Bergregionen von Afghanistan, Pakistan, Iran zu überdurchschnittlichem Verdienst, läßt Schmuggler und Selbstversorger, das Risiko erwischt zu werden, gering erscheinen, und macht den Fixer selig: Wo eine Nachfrage ist, da gibt es auch ein Angebot.

Die Opfer kommen aus Durchschnittsfamilien. Die Mutter, die ihrem heroinsüchtigen Sohn noch in einem alten Bademantel Heroin ins Frankfurter Gefängnis Preungesheim einschmuggelte, ist Reinmachefrau. Der Krimi-Autor Herbert Lichtenfeld behauptete 14 Tage nach dem Herointod seines Sohnes in einem Zeitungsinterview: „Wir hatten ein stinknormales Familienleben geführt.“ Und Henning Venske, Entertainer in Funk und Fernsehen, forderte mehr Drogenfahnder und weniger Terroristengreifen Den Charakter seines Sohnes hatte die Droge bis zur Unkenntlichkeit entstellt.

Den Fixer entmutigen weder Horrorszenarios noch gutgemeinte Appelle. Daß er es nur auf die Droge abgesehen hätte, gehört schlicht zu den frommen Hypothesen einer bedürfnisorientierten Gesellschaft. Fixersein, das hat der Kölner Soziologe und Suchtforscher, Herbert Berger, beobachtet, ist ein „Lebensstil“, der so abhängig macht wie die Droge selbst. Und: Dieses Dasein ist so grundverschieden nicht vom normalen merkantilen Leben.