An großen Namen fehlt es wahrlich nicht in Cannes 1982. Kein geringerer als Federico Fellini hat das offizielle Plakat zum fünfunddreißigsten Geburtstag des Festivals entworfen: Ein Schiff in hellem Lichterglanz, von dem man allerdings nicht ganz sicher sein kann, ob es nicht auf einen Eisberg zusteuert.

Am Eröffnungsabend versammelte sich eine illustre Runde auf der Bühne des Palais du Festival: Ehemalige „Palmen“-Gewinner, die zum Jubiläum geehrt wurden, darunter Michelangelo Antonioni, Joseph Losey, Jacques Tati, Billy Wilder, und, vergleichsweise ein Jüngling, Volker Schlöndorff.

Überhaupt ist die deutsche Präsenz in diesem Jahr in Cannes beinahe beängstigend stark. Zum Wettbewerb treten Werner Herzog mit „Fitzcarraldo“ und Werner Schröder mit „Tag der Idioten“ an. In einer mitternächtlichen Sondervorführung zeigt Jürgen Syberberg seinen „Parsifal“: Die unnötige späte Stunde dürfte ein Syberbergscher Racheakt gegenüber Journalisten sein, die erst um vier Uhr morgens ins Bett entlassen werden. Ebenfalls im Wettbewerb, allerdings für die USA; ist Wim Wenders’ seit drei Jahren überfälliger „Hammett“, der mit der meisten Spannnung erwartete Film des Festivals. Und schon am zweiten Tag von Cannes fiel in einem Film des schöne deutsche Wort „Scheiße“, laut und vernehmlich ausgesprochen von Hanna Schygulla, die in Ettore Scolas italienisch-französischer Co-Produktion „Die Nacht von Varennes“ eine österreichische Hofdame der Königin Marie-Antoinette spielt. Auch in Jean-Luc Godards „Passion“ (für die Schweiz im Wettbewerb) wird Frau Schygulla zu sehen sein.

Am 21. Juni 1791 flohen Ludwig der Sechzehnte und Marie Antoinette in einer sechsspännigen Kutsche aus dem von der Revolution eroberten Paris. Das dilettantisch vorbereitete und durchgeführte Unternehmen endete kläglich mit ihrer Festname im Haus eines Kerzenmachers in Varennes. Aber nicht diese Geschichte erzählt Ettore Scola in seinem hundertfünfzig Minuten langen Film „La nuit de Varennes“, sondern die einer seltsamen Reisegesellschaft, die den unglückseligen Majestäten halb zufällig folgt.

Es begegnen sich, auf einer an Abenteuern, Abschweifungen und Unterbrechungen reichen Fahrt durch Frankreich, der müde alte Chevalier de Seingalt alias Giacomo Casanova (Marcello. Mastroianni), der sich für die Musik von Mozart mehr zu erwärmen vermag als für die Aufmerksamkeiten der mitreisenden Damen (Hanna Schygulla, Andrea Ferreol, Laura Betti), und der Pamphletist der Aufklärung Restif de la Bretonne (Jean-Louis Barrault in seiner ersten Kinorolle seit vielen Jahren), dem nicht nur seine Gläubiger, sondern auch zunehmend Zweifel an den Methoden der Revolution zusetzen. Ebenfalls mit von der (natürlich ganz und gar erfundenen) Landpartie: der revolutionäre Schriftsteller Thomas Paine, dargestellt von dem Amerikaner Harvey Keitel.

Ich habe in den letzten Jahren keinen schöneren, subtileren europäischen Film gesehen als diesen: reich an Brechungen und Spiegelungen, ein Kostümfilm weniger als ein Diskurs über die Methoden des Kostümfilms. „Die Nacht von Varennes“ ist vieles: eine Verneigung vor zwei großen alten Männern (den Figuren Restif de la Bretonne und Casanova wie ihren Darstellern Barrault und Mastroianni), ein Gruß an die Revolution wie ein Nachruf auf den Stil, der mit ihr zugrunde ging. Man wird dieses Meisterwerk einige Male sehen müssen, um seine intellektuelle und seine sinnliche Pracht wirklich würdigen zu können. Und Hanna Schygulla, auch wenn sie „Scheiße“ sagt, spielt wie eine Königin.

Wenn das Festival nur halb so gut wird wie sein Auftakt, müßte es als eines der besten seit langem in die Annalen von Cannes eingehen. Vorerst warten wir: auf Godard, auf Wenders, auf Antonioni („Identifikation einer Frau“). Auf Lindsay Anderson („Britannia Hospital“) und auf Jerzy Skolimowski („Moonlighiing“), Und auf jene Entdeckungen und neuen Talente, ohne die selbst das größte Festival der Welt auf die Dauer nicht wird überleben können.

Hans-Christoph Blumenberg