Die Sucht“, sagte unlängst der amerikanische Psychiater Edward Khantzian von der Harvard Medical School, „ist der Bereich, in dem sich die Biologie und Psychologie des Verstandes treffen.“

Erst in den letzten zehn Jahren gelang es Forschern, etwas Licht in den molekularen Kosmos des Hirns zu werfen. Entscheidend war die Einsicht, daß sich Hirn- und Nervenzellen nicht nur mit elektrischen, sondern auch chemischen Signalen verständigen: Die Botenstoffe, „Neurotransmitter“ genannt, reichen den Nervenimpuls über einen winzigen Spalt – „Rezeptoren“ – an die nächste Nervenzelle weiter.

Die Rezeptoren können auch durch körperfremde Substanzen „besetzt“ werden – von Morphium oder Heroin oder anderen Opiaten: Das Gehirn, so stellte sich heraus, produziert seine eigenen Opiate, sogenannte „Endorphine“.

Zunächst sah es so aus, als könnten mit den neuentdeckten Endorphinen Gefühl, Sucht und Geisteskrankheit mit einem Schlag erklärt werden. Inzwischen mußten die Hirnforscher erkennen, daß Endorphine (und auch Opiate) nur ein kleiner Teil des Hirnstoffwechsels sind. So viel scheint sicher: Wenn Opiate die Rezeptoren von Nervenzellen besetzen, löst der Reiz die Produktion von „sekundären Botschaftern“ in der Zelle aus, die wiederum einen der entscheidenden biochemischen Prozesse der Zelle zur „Überproduktion“ anregen (und so den suchtmachenden Zyklus erst in Gang setzt).

Ähnlich wie Endorphine regen Opiate eine einmal abhängige, „Neuron“ genannte Nervenzelle verstärkt an. Doch offensichtlich greift ein körpereigener Abbaumechanismus zur rechtzeitigen Entschärfung der Endorphine hier nur unvollständig: Die „Reizschwelle“ oder Toleranz verschiebt sich nach oben, der Süchtige verlangt nach mehr.

Die Rezeptoren können freilich auch durch einen gegenläufig wirksamen Stoff, einen Antagonisten, blockiert und somit für Opiate unzugänglich gemacht werden (etwa durch den piat-Antagonisten Naloxon). Auch bestimmte Narkotika scheinen den Teufelskreis zumindest teilweise unterbrechen zu können: Sie vermitteln den Süchtigen vermutlich keine Euphorie, sondern Erleichterung von der Dysphorie genannten krankhaften Übellaunigkeit durch Entzugserscheinungen. Bevor freilich das biochemische Ungleichgewicht „Sucht“ gezielt per Psychopharmaka wieder in die delikate Balance des Normalzustands zurückgebracht werden kann, müssen die Forscher noch viel, sehr viel über den Hirnstoffwechsel herausfinden. Günter Haaf