• Herr Spelberg, Jahr für Jahr haben die Betriebe in der jüngsten Vergangenheit mehr Lehrstellen angeboten – Ausnahme 1981, als auch weniger Ausbildungsplätze gefragt waren. Dieses Jahr aber – Stichtag 31. März – ist die Zahl der Lehrstellenbewerber um vierzehn Prozent gestiegen, die der Ausbildungsplätze zugleich um elf Prozent gesunken. Können die Betriebe nun keine neuen Ausbildungskapazitäten mehr mobilisieren?

Spelberg: Das glaube ich nicht. Wir haben eine sehr unterschiedliche sektorale und regionale Entwicklung auf dem Lehrstellenmarkt. In den nördlichen Bundesländern ist die Lehrstellensituation angespannter als im Süden. Es sind aber auch Ende März noch immer mehr Lehrstellen gemeldet als Bewerber, insbesondere im Handwerk.

  • Nichtsdestoweniger ist die Lage wesentlich ungünstiger als in den vergangenen Jahren. Warum?

Spelberg: Zunächst einmal: Viele Jugendliche haben sich dieses Jahr früher als sonst um eine Lehrstelle bemüht. Das hat die Zahl der Bewerber bis zum 31. März nach oben getrieben. Gleichwohl ist der Rückgang der Lehrstellen nicht zu leugnen. Das hat vor allem konjunkturelle Gründe. Am Bau sind die Aufträge zurückgegangen, das wirkt sich auf die Lehrstellen aus. Die hohe Zahl an Konkursen hat Ausbildungsplätze gekostet. Vor allem sind aber auch die Kosten der Berufsausbildung drastisch gestiegen. Die durchschnittlichen Kosten für eine Lehrstelle im Handwerk betragen mittlerweile über 8000 Mark netto – das sind über zweihundert Prozent mehr als Anfang der siebziger Jahre. Die Gewerkschaften sollten deshalb bei den kommenden Tarifverhandlungen auf eine Erhöhung der Ausbildungsvergütung verzichten.

  • Die Gewerkschaften halten es für wirkungsvoller, die Betriebe durch staatlichen Zwang zur Erhöhung des Lehrstellenangebots zubringen.

Spelberg: Zwangsmittel würden sich ausgesprochen negativ auf die Ausbildungsbereitschaft der Wirtschaft auswirken. Eine Meldepflicht für Ausbildungsplätze zum Beispiel oder eine Ausbildungspflicht für Betriebe oder aber eine Finanzierungsumlage – all dies ist ungeeignet. Die Wirtschaft hat seit 1976, seit dem Eintritt der geburtenstarken Jahrgänge in das Berufsleben, bewiesen, daß sie dieses Problem ohne Zwangsmittel lösen kann. Allein das Handwerk hat in dieser Zeit 200 000 zusätzliche Lehrstellen geschaffen.

  • Gerade für das Handwerk muß aber doch ärgerlich sein, daß die meisten Betriebe überhaupt nicht ausbilden. Im Handwerk hat die Hälfte aller Betriebe Lehrstellen, im Handel und der Industrie bilden nur 28 Prozent der Unternehmen aus. Wäre es denn nicht nur gerecht, die nicht ausbildenden Betriebe mit einer Umlage zur Kasse zu bitten?