Wo anfangen? Beim republikanischen Selbstbewußtsein des Hamburger Premierenpublikums, das königlichen Staatsgästen nicht viel mehr Recht auf Verspätung als sich selber zugesteht und in seiner "Souveränität" einfach anfangen "läßt" ohne König und Kanzler? Bei den Häuserfront hohen Transparenten, Plakaten, Malereien, die seit Tagen gewissermaßen lautstark das große Bühnenereignis annoncieren im modischen Stil der jungen Wilden" und bei deren Farbintensität Oskar Kokoschka sich an die wüstesten seiner frühen Tage erinnert hätte? Bei den Schmähungen – "So richtet man unsere Theater zugrunde" –, die (vielleicht nicht zu Unrecht) vermuten, daß diese Aufführungen hundert (angestammte) Opernabonnenten kosten werde, die aber nicht für noch wahrscheinlicher halten (können), daß das Ereignis der Gattung ein Zehnfaches an neuen Besuchern gewinnen kann? Wo anfangen?

Am besten beim Schluß. Da ist schon der Vorhang gefallen; aber wenn er sich wieder öffnet (für den Applaus, denkt man, oder die Buhrufe), liegt der Tamino genau an jener Stelle, an der er in der ersten Szene in Ohnmacht fiel. Er erwacht, blickt um sich, verwundert, im Zweifel, ob es denn nun Realität war oder Traum, was er soeben erlebte, sieht sich – oder ist es nur jemand, der aussieht wie er? – in den Armen der schönen jungen Prinzessin. Und er findet seine kleine Spielzeugflinte wieder, mit der er zu Beginn den bunten Vögeln nachgestellt hatte – was ihn, schon dieser Einfall ist Sonderapplaus wert, überhaupt in dieses Theater führte und was eine Groteske zur Folge hatte, daß nämlich die Staatssicherheitsbeamten informiert werden mußten: Hier schießt niemand auf Majestäten. Er greift das Gewehrchen und verschwindet, wobei nicht auszuschließen ist, daß er eher einem Ort des Schreckens als des Glücks zu entfliehen trachtet.

Alles wie im Märchen, genauer: wie es jemand erlebt, der mit und darum im Märchen lebt. Der Jüngling vielleicht (wir sagten heute: der Pubertierende), halb Kind noch, halb Mann schon, der im Safari-Look auf Kindes-Abenteuer ausgeht und sie im Schock-Traum als Mannes-Abenteuer erlebt. Aus dem edel-heiteren Spiel um Gut und Böse, Licht und Dunkel, Tag und Nacht ist das schöne schreckliche Spiel vom Prinzip Frau gegen das Prinzip Mann geworden. So könnte man zu definieren versuchen, was Achim Freyer jetzt in Inszenierung und Ausstattung von Mozarts "Zauberflöte" anrichtet in des Wortes doppelter Bedeutung.

Ein opulentes, aber nicht fülliges Gericht; delikat (um für einen Moment im Bilde zu bleiben), sogar manchmal pikant; raffiniert, aber nicht zu sehr, als daß es mit seinen Ansprüchen den Genießer überforderte; einfach, aber doch nicht simpel; wohldosiert gewürzt, nicht zu üppig, daher bekömmlich; immer wieder mit neuen Details überraschend, also vergnüglich, für keinen Moment fade und damit langweilig – kurz: eine (vielleicht nouvelle) cuisine, die nach dem Guide Michelin zumindest einen Umweg verdient, wenn nicht gar eine Reise wert ist.

Das soll erläutert werden. Da kommenzur Ouvertüre drei Knirpse über die Vorbühne hinein, wie sie heute überall draußen spielen, halb Industriearbeiter mit Schutzhelm und Werkzeug und bescheidwissend-souveräner Attitüde, halb Segelohren-Lausejunge mit Zahnklammer und Sommersprossen – als werde "Emil und die Detektive" gespielt. Sie legen sich vor den Zwischenvorhang und (ecco!) ziehen an seinen Drähten, so daß sich jene Vögel flatternd bewegen, denen Tamino dann schießend und Papageno sie fangend nachstellen. Aber die drei sind auch im übertragenen Sinne die Drahtzieher, weisen mit kleinen Verfolger-Scheinwerfern den Weg, schleppen die Zauber-Instrumente Flöte und Glockenspiel an, ziehen selbst den Vorhang hoch vor der Traum-Szenerie und transponieren so das Märchen oder den Traum immer wieder in die scheinbare Realität.

Die drei Damen samt ihrer Königin: wie sich der kleine Moritz die christliche Liebe vorstellt – ein bißchen sexy, aber doch schon mit Schleiern wohl verhüllt; ein bißchen blutvoll, doch allenfalls im dekorativen Anstrich. Weiber haben zu tun und zu sein, wie Männer es verlangen.

Sarastro und seine Priester: wie uns der Comicstrip das moderne Märchen von Superman oder den lemurenhaften extraterrestrischen Lebewesen erzählt. Ein bißchen sadistische Anwandlung, wenn die Riesenfigur des Sarastro mit seiner Superfaust die zierliche Pamina umschließt; ein bißchen Rassismus, wenn die graublauen Nichtmenschen in ihrer Geschlechtslosigkeit und Tumbheit nach den Spieldosen-Klängen Ringelreihen tanzen; etwas musikdramaturgisches Entgegenkommen, wenn die Priester als Posaunenchor auftreten, um die "leitmotivischen" Bläserackorde zu intonieren; etwas ideologischer Hintergrund, wenn sie zur Abstimmung mit (Frei-)Maurer-Kellen erscheinen. Heterogenität, die all die vielen Schichten dieser Singspiel-Oper andeuten, aber keine Gewichtung präjudizieren.