Das Zeugnis eines unbeugsamen Menschen und seiner Epoche

Von Raissa Orlowa und Lew Kopelew

Pjotr Grigorenkos Jugend und Reifezeit, das heißt ein großer Teil seines Lebens, und zwar jener Teil, in welchem sich Weltanschauung und Lebensgefühl bilden, ereigneten sich im Heer. Er war Soldat, Offizier, General.

Der Heeresdienst, die Alltäglichkeit von Kaserne und Schützengraben, ist für ein freies, selbständiges, kritisches Denken nie und nirgends förderlich. Alle, die Militärdienst leisten, müssen nach strengem Reglement verfahren, müssen Befehle ausführen, ohne nachzudenken.

Jedoch Grigorenkos Schicksal widerlegt diese Vorstellung. Er hat Befehle nicht nur erhalten, er hat Befehle auch selber erlassen. Aber auf hohen Stufen seiner militärischen Karriere wurde er ein frei und mutig denkender Mensch. Er begann, jenes politische System in Zweifel zu ziehen, dem er lange treu gedient, für das er gekämpft und Verwundungen erduldet hatte, für das er fast mit dem Tode bezahlt hatte. Er begann, offen von den Lastern jenes Staates zu sprechen, der ihn ausgezeichnet, ihm Privilegien und ein ruhiges, glückliches Leben gewährleistet hatte.

Im Jahre 1961, zur Zeit des wärmsten Tauwetters, vor dem XXII. Parteitag, als beschlossen wurde, Stalin aus dem Mausoleum zu entfernen und ein Denkmal für seine Opfer zu errichten, da hörten wir, daß auf einer der Parteikonferenzen ein gewisser General auftrat, ein Kriegsheld, welcher Professor der Akademie des Generalstabs geworden war.

Er sagte, daß die Kritik am Regime – man sprach damals verschämt von „Persönlichkeitskult“ – inkonsequent geleistet werde, denn alle Umstände, die die Stalinsche Diktatur mit ihrer verderblichen Willkür hervorgebracht hatten, existierten ja noch. Und solch eine Inkonsequenz drohe mit neuem Unheil.