Von Hans-Christoph Blumenberg

Am Anfang war die Ware. Die Ware schuf sich einen Markt. Jede Ware bekommt den Markt, den sie verdient. Der Markt der Ware Film heißt Cannes.

Die Ware Film ist leicht verderblich. Man rechnet mit geplantem Verschleiß. Die Geschäfte mögen nicht glänzend gehen, immerhin gehen sie schnell. Die Inszenierung des Marktes Cannes andert sich nie. Sie besitzt eine Künstlichkeit, gegen die reale Zustände keine Chance haben. Blonde Mädchen unter blauem Himmel, bleiche Amerikaner auf sonnigen Terrassen vor teuren Getränken, Smokingnächte und Katerfrühstücke, Phototermisie und Pressekonferenzen. Die deutschen Kritiker sitzen immer noch in der Majestic-Bar. Nach Mitternacht kommt Fassbinder vorbei. Die Rollen sind längst verteilt: hier die Vampire (wenige), dort die Zombies (viele). Und ein paar andere. Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben. Die letzte Meldung vom Markt: Kokain soll schon wieder teurer geworden sein.

Wo alles gleich bleibt, dürfen auch die Filme sich nicht ändern. Der Markt verträgt keine Störungen. Weiterhin gefragt bleiben erprobte Markenartikel. So verkommt die Kunst zum Design, Michelangelo Antonionis Film „Identifikation einer Frau sieht so aus, als sei er von Olivetti, Armani und anderen erlesenen Vertretern der italienischen Konsumgüterindustrie für den besonderen Geschmack hergestellt worden. So kühl, so schick, so teuer. Antonioni tut so, als kämen in diesem Arrangement auch Figuren vor (ein Filmregisseur und eine schöne Frau, die verschwindet), glaubt aber wohl am Ende auch nicht so recht daran. Die Geheimnisse, die uns aus Filmen wie „Die Nacht“ und „Rote Wüste“ im Gedächtnis geblieben sind, verkleinern sich hier auf eine aparte verbale Duftnote. Antonioni: „Das ist eine sehr italienische Geschichte, die aber trotzdem universelle Themen behandelt. Das eine ist Liebe, ein Thema so alt wie die Welt. Dazu etwas Neues, Aktuelles in den und um die Personen. Ich hoffe jedenfalls, daß es so ist.“

Costa-Gavras, der Grieche in Paris, reist in politischen Flugschriften schon fast so lange wie Antonioni in halbgefrorenen Beziehungsschmerzen. Der Mann ist wendig und redlich. Von diesein Vertreter würde ich bedenkenlos einen Gebrauchtwagen kaufen. Costa-Gavras weiß, was er will: in „Z“ hat er uns damals erzählt, wie Griechenland unter der Militärdiktatur litt. In „Missing“ enthüllt er jetzt, wie die Amerikaner am Coup gegen Allende beteiligt waren. Wer das schon weiß (also jeder, sogar die Kundschaft der konservativen Presse), kann sich zum Trost am Spiel von Jack Lemmon erfreuen, der in Chile seinen verschwundenen Sohn sucht und auch allmählich merkt, was der Zuschauer als Gewißheit bereits mit ins Kino nimmt. Ich stelle mir vor, daß Costa-Gavras für „Missing“ in Cannes einen Preis gewinnen wird. Seine Art von Militanz setzt sich immer durch. Dafür wird schon der amerikanische Konzern sorgen, der „Missing“ weltweit vertreibt.

Was die Griechen können, können die Deutsehen, schon lange: den Amerikanern in Hollywood ein Auto verkaufen, das mindestens so amerikanisch aussieht wie ein Chevrolet, mit einem Motor indessen, der höchstens die Leistung eines VW-Käfers bringt. Die Tragödie des Handlungsreisenden Wim Wenders besteht aber darin, daß er nach vier Jahren und kurz vor der Geschäftsaufgabe im fernen Kalifornien erstens merkte, daß die Amerikaner sein Produkt überhaupt nicht kaufen wollten, und zweitens, daß er ihnen den teuren Schrott höchstens mit schlechtem Gewissen andrehen mochte. Darüber hat er dann in Portugal einen Film gedreht. Der heißt „Der Stand der Dinge“. Den möchte ich gerne sehen.

In Cannes war aber nur „Hammett“ zu sehen, ein aufgetakelter Oldtimer aus dem Hollywood-Museum der vierziger Jahre. Das war für mich das bislang traurigste Angebot auf dem Markt von Cannes: wie einer partout beweisen will, daß er etwas kann, was zu können sich überhaupt nicht lohnt; wie ein Sonntagsmaler, der sich unendlich lange vor einer Landschaft von Caspar David Friedrich müht und doch nicht mehr zustande bringt als eine seelenlose Kopie. In „Hammett“ zeigt Wim Wenders, handwerklich natürlich ohne Makel, daß er alle Lektionen der Warner Brothers begriffen hat: als sei das irgendwie wichtig, „Hammett“ ist so kalt, so tot, so perfekt wie zuletzt Fassbinders „Die Sehnsucht der Veronika Voss“: ein Stil auf der Suche nach einem Anlaß, der sich dann nicht einstellt. Ich mag auch allmählich keine Filme mehr sehen über melancholische Privatdetektive, die gelbliche Flüssigkeiten trinken und von gelblichen Frauen bedrängt werden.