Von Klaus Pokatzky

Seien wir ehrlich auf so etwas haben wir Journalisten doch schon lange gewartet: Ein 22jähriger Türkei seit dreizehn Jahren in der Bundesrepublik, der Vater ist Lastwagenfahrer, die Mutter Fabrikarbeiterin, schreibt einen Roman, die Geschichte seiner verlorenen Liebe zu der deutschen Jurastudentin Christa. Das Buch wird ein Bestseller, die Verfilmung steht bevor. Da freuen wir uns, da berichten wir gern.

"Rheinisches Mädchen inspirierte jungen türkischen Schriftsteller", lobte mit lokalpatriotischem Unterton der Kölner Express: Das Börsenblatt des ehrwürdigen Börsenvereins des Deutschen Buchhandels zeigte den Band als "moderne Liebesgeschichte zwischen Salinger und Bukowski" an. Und das auflagenstarke Szene-Magazin Sounds geriet völlig aus dem Häuschen: "Alle alten Schriftstellerhasen", ob Handke, Walser oder Grass, müßten "vor Respekt erblassen" angesichts dieses "Romans eines großen Einsamen, der in die Geschichte einzugehen verdient wie Goethes ‚Werther‘".

Natürlich kann man jetzt einwenden, dergleichen Lobeshymnen seien allein schon deshalb nicht weiter ernst zu nehmen, weil das Börsenblatt mehr ein Reklameprospekt der großen Buchverlage als ein eigenständig-kritisches Literaturblatt ist und die Sounds-Rezensentin offenkundig weder von Goethe noch von Grass jemals auch nur eine Zeile gelesen hat. Doch ist die Neugierde geweckt, man liest das Buch, das mittlerweile eine Auflage von 24 000 Exemplaren erreicht hat, zunächst mit Interesse für den exotischen Autor, dann mit gemischten Gefühlen, die zwischen Schmunzeln und Ärgernis wechseln.

Akif Pirinçci erzählt in einem manchmal etwas bemüht wirkenden lockeren Umgangston der Disco-People von seiner kurzen, aber innigen Beziehung zu der "lieben, süßen, schönen Christa", die schließlich "scheitert an der Eiszeit der Gefühle". Was der Goldmann-Verlag als "ein Stück Literatur der deutschen Gegenwart, das durch seine Originalität überrascht und mitreißt" bezeichnet, ist nicht mehr und nicht weniger als ein nettes Stückchen Unterhaltung, gut zu lesen vor dem Einschlafen, in der Badewanne oder S-Bahn. Es ist streckenweise ausgesprochen witzig, flott und forsch geschrieben, dann aber auch wieder mit dem strengen, humorlosen, mackerhaft-dümmlichen Unterton des Jung-Chauvies. Und sehr oft ist es einfach plump und peinlich, merkt man allzu deutlich, daß die Goldmann-Lektoren weniger interessiert daran waren, einem jungen Autor literarisch weiterzuhelfen, sondern ihn pressewirksam zu vermarkten.

Zunächst kassierte Akif Pirinçci nur Absagen, mal mehr, mal weniger höflich verpackt, als er sein Manuskript in drei Monaten an 70 Verlage, darunter auch Goldmann, schickte. Die Mutter leiht ihm daraufhin 3000 Mark, davon druckt er in einem Uni-Kopiercenter 500 Exemplare im Selbstverlag, die 25jährige Schwester, eine Graphikerin, gestaltet den Umschlag von "Tränen sind immer das Ende", der Autor selbst verteilt Flugblätter und hängt Werbeplakate auf.

Der Verkauf beginnt schleppend, da sieht er im Fernsehen eine Literatursendung über "Liebe in unserer Zeit". Am nächsten Tag ruft er den Moderator Reinhard Hoffmeister an, schimpft auf den "kopflastigen Scheiß" und fragt, warum er denn eigentlich nicht eingeladen worden sei. Dann schickt er dem Kulturjournalisten seinen Roman-Erstling, und in der nächsten ZDF-"Litera-Tour" darf Akif Pirinçci mit großer Klappe und cooler Cleverness sechs Minuten Eigenreklame machen.

Am nächsten Tag ist der Münchner Goldmann-Verlag am Telephon: "Ihr Buch gefällt uns sehr gut, wir wollen es kaufen." – "Aber das haben Sie doch gar nicht gelesen", antwortet Akif Pirinçci. – "Ist scheißegal, gefällt uns auch so", hört der Autor und hat drei Tage später seinen Vertrag, der ihm eine Auflage von 20 000 Exemplaren sowie 60 Pfennig pro Band garantiert. Inzwischen sitzt Pirinçci bereits an dem Folgeband "Die Pforten des Wahnsinns", hat für rund 20 000 Mark dem Studio Hamburg eine Drehbuchfassung seines "Tränen"-Erstlings verkauft und wartet nun darauf, in dem Film die Hauptrolle spielen zu können.

Das alles erzählt er in rheinisch angehauchtem Tonfall beim chinesischen Essen in Andernach, dem nächsten größeren Ort von Weißenthurm, wo er wieder bei seinen Eltern wohnt. "Ich bin ein Pressetürke", erklärt er, zur Hühnersuppe, "aber ob ich nun als Türke oder Deutscher gelte, ist mir egal, meine Kultur besteht aus dem, was ich mache. Und was meine Umgebung macht, interessiert mich nicht." So kann er die vielgestellte Frage, "und was meinen Sie als Türke dazu?" "zum Kotzen nicht ausstehen", schließlich lautet seine Philosophie: "Alle Kulturen ähneln sich, Kultur interessiert mich nicht, es geht in der Welt nur ums Ficken und ums Geld und um nichts anderes," Wer hofft, in seinem Buch etwas über das Denken und Fühlen der zweiten Ausländergeneration zu erfahren, wird enttäuscht: über Türken und deren Probleme schreibt er so gut wie nichts. Das nämlich, erklärt er, zur Frühlingsrolle, "ist überhaupt kein Thema, das kennt doch jeder".

Als er in die Bundesrepublik kam, war er neun, Deutsch hat er sich durch "heftiges Fernsehen und Kinogehen" beigebracht. Filme sind für ihn nach wie vor "das allergrößte", und so möchte er sich von dem Geld, das er mit seinem ersten Buch verdient, zwar einen Porsche kaufen, andererseits später aber auch einen "Super-Science-fiction" drehen, am liebsten natürlich in Hollywood, diesem "Sinnbild amerikanischer Filmkunst".

Er hatte in der Schule wenig Freunde; während die anderen sich für Mofas interessierten, hat er zu Hause gesessen und Drehbücher für Hörspiele und Fernsehfilme geschrieben, 32 insgesamt. Der Bayerische Rundfunk produzierte einen kurzen Fernsehfilm von ihm, da war er 14. Als er 16 Jahre alt war, gewann er mit einem Science-fiction-Hörspiel den ersten Preis in einem Wettbewerb des Hessischen Rundfunks. Zugleich flog er erst vom Gymnasium, dann von der Realschule, besuchte schließlich lustlos die Hauptschule. In Köln hat er dann bei einer Filmfirma und der Oper "als Mädchen für alles" gejobbt, anschließend in Wien Jahre an der Film- und Fernsehakademie studiert.

Das erzählt er, bei süß-saurem Schweinefleisch, prasselnd und sprudelnd, mit wenigen Pausen; wenn man nachfragen will, muß man ihm ins Wort fallen. Die Sache mit Christa? Er "sollte in die Medien", und mit seinen alten Drehbüchern über hessische Söldner, die als Landstreicher im amerikanischen Unabhängigkeitskrieg umherirren, oder dem Archäologen, der in Pompeji Gespenster sieht, mit der "Kraftwerksballade" und dem Theaterstück "Als Gott starb" war das alles nicht so recht gelaufen. Also eine Liebesgeschichte schreiben, eine, in der alles drin ist, "was die Leute heute haben wollen: Liebe, Jugend, Stadtatmosphäre, Taugenichtsthema".

Dann noch "ein bißchen Außenseiterrolle", über die er als Türke gar nicht mehr viel zu schreiben braucht, denn das lesen die Leute auch so heraus – und fertig ist das Buch, mit dem Akif Pirinçci, kühl und klug berechnend, endlich "in die Medien" kommt. Die einmonatige Beziehung zu Christa kam da gerade recht; im Roman muß sie zeitlich noch etwas ausgewalzt werden, "damit alle deutschen Feiertage drin sind", was ja für eine Verfilmung schließlich nicht ganz unwichtig ist; ein Selbstmordversuch des von Christa schnöde verlassenen Akif wird erfunden und dann noch die Behauptung aufgestellt, das ganze Liebesleid in genau drei Wochen zu Papier gebracht zu haben.

Das stimmt zwar nicht, denn in Wirklichkeit hat er zwei Jahre an dem Buch gearbeitet, aber wer wollte ihm das verübeln – ist es doch dichterische Freiheit oder, anders ausgedrückt, das gleiche Verhältnis zur Wahrheit oder Unwahrheit, das auch sein Verlag hat, der auf dem Buchumschlag schon vor einem Jahr behauptete, die Geschichte werde "zur Zeit verfilmt", wovon noch nicht einmal heute die Rede sein kann.

Immerhin haben das Bild eines armen, einsamen Akif und eine Reihe fast gleichlautender lobhudelnder Rezensionen, die sein Freund, Berater und Manager Rolf Degen, ein .Wissenschaftsjournalist, in Regionalzeitungen und Szeneblättern unterbringen konnte, ihre Wirkung gezeitigt: 2000 Fans haben ihm geschrieben, geantwortet hat er keinem ("ich bin doch kein Doktor"); eine Frauenkommune aus Nürnberg hat ihm zehn Mark zum Versaufen geschickt und ihn eingeladen – das Geld hat er eingesteckt, an einen Besuch denkt er nicht; und vergeblich hat ihn auch eine Schulklasse aus der Nähe von Hamburg eingeladen: "Da fahre ich nicht hin, was soll ich da diskutieren mit denen?"

Daß er in seinem Roman, gleich im zweiten Absatz, eine überfüllte Diskothek mit dem Konzentrationslager Dachau vergleicht und auch später mehrfach Parallelen zu Auschwitz, Stalingrad und Bombenteppichen zieht, um sein Liebesleid mit Christa zu illustrieren, hat bisher weder der Verlag noch einer seiner euphorischen Rezensenten für anstößig befunden; und er selbst steht unerschütterlich zu solchen Vergleichen: "Warum darf man eine Disko nicht mit Dachau vergleieben?"

"So viel Realitätsferne wie bei dem Akif gibt es selten", meint man im Goldmann-Verlag, "aber immerhin hat er damit unheimlich viel erreicht." Trotzdem befällt einzelne mittlerweile ein "schlechtes Gewissen", wenn sie an ihren Autor Pirinçci denken und sehen, wie der durch ein zu großes Entgegenkommen des Verlages ("der Vertrag mit ihm ist der unsinnigste, den wir je geboren haben") und eine völlig unkritische Resonanz der Öffentlichkeit "systematisch kaputtgemacht wird".