Am nächsten Tag ist der Münchner Goldmann-Verlag am Telephon: "Ihr Buch gefällt uns sehr gut, wir wollen es kaufen." – "Aber das haben Sie doch gar nicht gelesen", antwortet Akif Pirinçci. – "Ist scheißegal, gefällt uns auch so", hört der Autor und hat drei Tage später seinen Vertrag, der ihm eine Auflage von 20 000 Exemplaren sowie 60 Pfennig pro Band garantiert. Inzwischen sitzt Pirinçci bereits an dem Folgeband "Die Pforten des Wahnsinns", hat für rund 20 000 Mark dem Studio Hamburg eine Drehbuchfassung seines "Tränen"-Erstlings verkauft und wartet nun darauf, in dem Film die Hauptrolle spielen zu können.

Das alles erzählt er in rheinisch angehauchtem Tonfall beim chinesischen Essen in Andernach, dem nächsten größeren Ort von Weißenthurm, wo er wieder bei seinen Eltern wohnt. "Ich bin ein Pressetürke", erklärt er, zur Hühnersuppe, "aber ob ich nun als Türke oder Deutscher gelte, ist mir egal, meine Kultur besteht aus dem, was ich mache. Und was meine Umgebung macht, interessiert mich nicht." So kann er die vielgestellte Frage, "und was meinen Sie als Türke dazu?" "zum Kotzen nicht ausstehen", schließlich lautet seine Philosophie: "Alle Kulturen ähneln sich, Kultur interessiert mich nicht, es geht in der Welt nur ums Ficken und ums Geld und um nichts anderes," Wer hofft, in seinem Buch etwas über das Denken und Fühlen der zweiten Ausländergeneration zu erfahren, wird enttäuscht: über Türken und deren Probleme schreibt er so gut wie nichts. Das nämlich, erklärt er, zur Frühlingsrolle, "ist überhaupt kein Thema, das kennt doch jeder".

Als er in die Bundesrepublik kam, war er neun, Deutsch hat er sich durch "heftiges Fernsehen und Kinogehen" beigebracht. Filme sind für ihn nach wie vor "das allergrößte", und so möchte er sich von dem Geld, das er mit seinem ersten Buch verdient, zwar einen Porsche kaufen, andererseits später aber auch einen "Super-Science-fiction" drehen, am liebsten natürlich in Hollywood, diesem "Sinnbild amerikanischer Filmkunst".

Er hatte in der Schule wenig Freunde; während die anderen sich für Mofas interessierten, hat er zu Hause gesessen und Drehbücher für Hörspiele und Fernsehfilme geschrieben, 32 insgesamt. Der Bayerische Rundfunk produzierte einen kurzen Fernsehfilm von ihm, da war er 14. Als er 16 Jahre alt war, gewann er mit einem Science-fiction-Hörspiel den ersten Preis in einem Wettbewerb des Hessischen Rundfunks. Zugleich flog er erst vom Gymnasium, dann von der Realschule, besuchte schließlich lustlos die Hauptschule. In Köln hat er dann bei einer Filmfirma und der Oper "als Mädchen für alles" gejobbt, anschließend in Wien Jahre an der Film- und Fernsehakademie studiert.

Das erzählt er, bei süß-saurem Schweinefleisch, prasselnd und sprudelnd, mit wenigen Pausen; wenn man nachfragen will, muß man ihm ins Wort fallen. Die Sache mit Christa? Er "sollte in die Medien", und mit seinen alten Drehbüchern über hessische Söldner, die als Landstreicher im amerikanischen Unabhängigkeitskrieg umherirren, oder dem Archäologen, der in Pompeji Gespenster sieht, mit der "Kraftwerksballade" und dem Theaterstück "Als Gott starb" war das alles nicht so recht gelaufen. Also eine Liebesgeschichte schreiben, eine, in der alles drin ist, "was die Leute heute haben wollen: Liebe, Jugend, Stadtatmosphäre, Taugenichtsthema".

Dann noch "ein bißchen Außenseiterrolle", über die er als Türke gar nicht mehr viel zu schreiben braucht, denn das lesen die Leute auch so heraus – und fertig ist das Buch, mit dem Akif Pirinçci, kühl und klug berechnend, endlich "in die Medien" kommt. Die einmonatige Beziehung zu Christa kam da gerade recht; im Roman muß sie zeitlich noch etwas ausgewalzt werden, "damit alle deutschen Feiertage drin sind", was ja für eine Verfilmung schließlich nicht ganz unwichtig ist; ein Selbstmordversuch des von Christa schnöde verlassenen Akif wird erfunden und dann noch die Behauptung aufgestellt, das ganze Liebesleid in genau drei Wochen zu Papier gebracht zu haben.

Das stimmt zwar nicht, denn in Wirklichkeit hat er zwei Jahre an dem Buch gearbeitet, aber wer wollte ihm das verübeln – ist es doch dichterische Freiheit oder, anders ausgedrückt, das gleiche Verhältnis zur Wahrheit oder Unwahrheit, das auch sein Verlag hat, der auf dem Buchumschlag schon vor einem Jahr behauptete, die Geschichte werde "zur Zeit verfilmt", wovon noch nicht einmal heute die Rede sein kann.