Guter Rat ist teuer, so weiß es der Volksmund. Nicht so bei Ilse Air chinger, da ist er eigene lichem Geschenk. Doch da man wohl davon auszugehen hat, daß geschenkten Rat kaum jemand annimmt, und zu würdigen weiß, ist es verständlich, wenn die Autorin ihren Rat von vornherein als verschenkten ausgibt. Falsche Hoffnungen macht sie weder sich noch anderen; sie, die einst mit dem Roman "Die größere Hoffnung" debütierte, in dem die einzige Hoffnung des Mädchens Ellen darin bestand, zu den Ausgestoßenen – das waren damals die mit dem Judenstern auf der Brust – gehören; zu dürfen, sie gestattet sich auch heute noch keine größere Hoffnung als beharrliche Verzweiflung und verzweifelte Beharrlichkeit.

Es ist, dies eine Verzweiflung, die niemals selbstgefällig in der Märtyrerpose erstarrt, sondern als lebendige Substanz begriffen wird, als die geheime Goldreserve unserer Existenz. Daß wir nur nach dem Grad unserer Verzweiflung und Untröstlichkeit existieren und gemessen werden, das ist für Ilse existieren die Grundvoraussetzung ihres Denkens und Fühlens. "Wo es nicht mehr wehtut, dort wird es gefährlich", so hieß es zu Ende des Romans "Die größere Hoffnung".

In den Gedichten ihres ersten Lyrikbandes, der Verse aus zwei Jahrzehnten versammelt, tut es noch weh, jedes Wort schmerzt da; doch dieser Wörterschmerz ist zugleich immer schon Trost – eine dichterische Dialektik, für die das frühe Gedicht "Briefwechsel" als bewegendes Beispiel stehen mag: "Wenn die Post nachts käme / und der Mond schöbe die Kränkungen / unter die Tür: / Sie erschienen wie Engel / in ihren weißen Gewändern / und stünden still im Flur." Davon geht Ilse Aichinger also aus, daß alles, was von der Welt kommt, nur Kränkung sein kann. Aber indem sie dies akzeptiert, indem sie sich – wie in dem programmatisch "Neuer Bund" überschriebenen Gedicht – fortbegibt "aus diesem Frieden, / aus diesem lieben Frieden / in den Schatten / zu meinen lieben Schweinen", indem sie sich freiwillig zum Schlachtvieh gesellt, weckt sie auch das Verlangen nach Aufhebung der allgemeinen Weltkränkung.

Es ist mir ganz unverständlich, wie man diese Gedichte vom Surrealismus ableiten und als hermetisch mißverstehen konnte. Nicht Hermetik – also künstliches Dunkel, bestimmt sie – sondern die Verweigerung künstlicher Illumination. Und wenn etwas an ihnen rätselhaft ist, dann die große Ferner aus der ihre lakonische Weisheit und ihr Sinn für das Paradoxe kommen – man darf da durchaus einen weiblichen Angelus Silesius unseres Jahrhunderts assoziieren, auch wenn sich Ilse Aichingers Botschaften nicht mehr rennen, ihre Konzentration auf Weltdurchdringung hat jedenfalls der gleichen mystischen Urgrund wie der "Cherubinische Wandersmann Seit Ernst Meister und Günter Eich bat niemand mehr so welthaltige Warnungen vor der Welt so suggestiv in Verse gebracht wie Ilse Aichinger.

Ilse Aichinger: "Verschenkter Rat", Gedichte; FT 5126, Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt, 1981; 96 S., 6,80 DM. Peter Hamm