Beachtlich

„Regentropfen“ von Harry Raymon und Michael Hoffmann. Das Drehbuch war fertig, noch bevor die amerikanische „Holocaust“-Serie 1979 die Gemüter bei uns erregte. Das Projekt, jüdisches Schicksal am Beispiel einer Kleinbürgerfamilie in den ersten Jahren des „tausendjährigen Reiches“ auf die Leinwand zu bringen, stieß bei den Geldgebern jedoch auf Ablehnung. Erst nach der überwältigenden Reaktion auf „Holocaust“ besann man sich. Die Schauspieler Raymon und Hoffmann brachten genügend Geld zusammen, und jetzt endlich kommt ihr Film „Regentropfen“ (bevor er im Fernsehen gezeigt wird) in unsere Kinos. Ein leiser, ein überzeugender, weil ganz und gar unprätentiöser Schwarzweißfilm, der die Atmosphäre in Provinzstadt und Kleinbürgerfamilie ebenso trifft wie das Klima in der Großstadt Köln und die überreizte Stimmung in einer jüdischen Pension. Die Perspektive des Films ist oft die des etwa zehnjährigen Bennie. Zuerst registriert er nur. die Hakenkreuzfahnen am 1. Mai, die Uniformierten in der Stadt, ihr grobschlächtiges Verhalten; später wird er selber zum Betroffenen, etwa wenn er im Karnevalszug die überdimensionale Karikatur eines Juden sieht oder mit „Juddebub“ beschimpft wird. Selten ist es Filmemachern bisher gelungen, über deutsche Juden im Dritten Reich so unaufgeregt und glaubhaft zu erzählen wie den Regisseuren Hoffmann und Raymon. Ihr Film wirkt zudem so authentisch, weil sie ihre Figuren Dialekt, der von jiddischen Ausdrücken durchsetzt ist, sprechen lassen. In der Pension rezitiert eine jüdische Frau Lessings „Ringparabel“. Es ist gut, sie zu hören. Anne Frederiksen

Mittelmäßig

„Der ausgeflippte Professor“ von Andrew Bergman, im Original „So Fine“, ist eine ziemlich grobe und zähflüssige Burleske mit Ryan O’Neal, Mariangela Melato, Jack Warden und Richard Kiel. Der zentrale Gag: wie jemand in geliehenen, hautengen Damenjeans in die Hocke geht, diese dann dort aufplatzen, wo sie am knackigsten sitzen, und daraus ein Modehit wird (Jeans mit Gesäßdurchblick). Der Rest: das Aufwärmen abgestandener Gags und der Griff ins Filmzitaten-Kästlein (von Bogdanovichs „Is’ was, Doc?“ bis zum Marx-Brothers-Film „Eine Nacht in der Oper“). Gerade von Andrew Bergman – Romanautor, Filmhistoriker (einer Biographie über James Cagney und einer Studie über den amerikanischen Film der Depressionsära) und Drehbuchautor (von ihm stammt die Originalstory zu Mel Brooks’ „Blazing Saddles / Der wilde, wilde Westen“ und das Buch zu Arthur Hillers „The In-Laws / Zwei in Teufels Küche“, einer der besten Slapstick-Komödien der letzten Jahre) – hätte man sich eine vergnügliche Farce als Regiedebüt versprechen können. Mit seiner Kenntnis wäre er wohl auch durchaus in der Lage, eine Enzyklopädie der Filmkomödie zu verbissen. Als Regisseur fehlt ihm allerdings das für Komödien besonders wichtige Gespür für richtiges Timing. So bleibt das Resultat leider nur der nicht sonderlich originelle Versuch, der Bananenschale zu einem zweifelhaften Comeback zu verhelfen. Helmut W. Banz

Ärgerlich

„Times Square“ von Alan Moyle ist eine Produktion von Robert Stigwood („Saturday Night Fever“, „Sergeant Pepper’s Lonely Hearts Club Band“, „Grease“), die nach seinem erfolgreichen Motto „Sieh den Film und kauf das Album!“ verfährt und eine romantische Ausreißer-Ballade mit den „Top-of-the-Pops“ kombiniert. Armes, kleines, reiches Politikertöchterchen (Trini Alvarado) und armes, kleines, ruppiges Proletariergirl (Robin Johnson) türmen gemeinsam aus der neurologischen Klinik, wo sie wegen Verhaltensstörungen eingeliefert waren; kleiden sich in Müllsäcke aus Plastik; schmeißen Fernsehgeräte, die verhaßten Symbole der Plastikwelt der Mittelklasse, von Hochhausdächern; und werden, dank der Publicityhilfe eines Radio-Disc-Jockeys (Tim Curry), als „Sleaze Sisters“ (Dreckschwestern) zu Troubadouren der Teenagerrevolte. Stigwoods Versuch, mit diesem Film für die New Wave das zu erreichen, was „Saturday Night Fever“ für den Disco-Sound war, scheitert kläglich, da die Musik (u. a. von Suzi Quatro, Patti Smith, Lou Reed, Gary Numan, The Pretenders, The Ramones, Roxy Music, Talking Heads) ständig im Widerspruch steht zu dem, was gezeigt und erzählt wird: zu New Yorks berüchtigtem Times-Square-Distrikt, der hier als Mischung aus harmloser Touristenattraktion und Disneyland erscheint; und zur Unicef-Sentimentalität dieser verlogenen Jungmädchenphantasie.. Helmut W. Banz

Empfehlenswerte Filme

„Das letzte Loch“ von Herbert Achternbusch. „Melvia und Howard“ von Jonathan Demme. „Ganz normal verrückt“ von Marco Ferrari. „Time Bandits“ von Terry Gilliam. „Fitzcarraldo“ von Werner Herzog. „Drei Brüder“ von Francesco Rosi. „Tag der Idioten“ von Werner Schroeter. „Gallipoli“ von Peter Weir.