Eine „Mutterschaftssteuer“ als „sexueller Lastenausgleich“, zu leisten von der Gesamtheit der Männer, die staatliche „Fortpflanzungserlaubnis“ als Stütze des „eugenischen Gewissens“, ein „Geschlechts-Ministerium“ gar, das die „Zwanglosigkeit allen Liebens“ zu schützen hat – wie kann einer, der die Freiheit des Eros radikal zu Ende zu denken versucht, schließlich bei solden Vorstellungen einer „eugenischen Ordnung“ anlangen? Oder vielmehr: Wie kann er so frohgemut die Widersprüche übersehen, in denen er sich da verfängt? Nach dem Ende der sexuellen Zwangswirtschaft“ – falls es ein solches Ende gibt – wiederum neue Bürokratien, ein verwaltetes Freiheits-Paradies (Einmal abgesehen von dem Schrecken, der mich bei Wörtern wie„Erbtüchtigkeit“ beschleicht.)

Dennoch: es lohnt sich, Otto Mainzer zu entdecken. Das ist deutscher, deutsch-jüdischer Geist von jener Art, der nach 1933 nur die Flucht blieb (in diesem Falle, wie in so vielen anderen, über Frankreich in die USA). Der Rechtsphilosoph aus Frankfurt, Jahrgang 1903, heute in New York ansässig, denkt scharf und entschieden und führt eine blitzende Feder. In den dreißiger Jahren schrieb er einen Essay „Die sexuelle Zwangswirtschaft“; er fand die Zustimmung Wilhelm Reichs, aber – wie einige Jahre später auch der von Thomas Mann und Lion Feuchtwanger gelobte Roman „Prometheus“ – keinen Verleger. Ein Menschenalter später, erreicht er nun doch die Öffentlichkeit, erweitert zu einem ausgewachsenen Buch und angereichert mit den Erfahrungen einer sexuellen Revolution“ (vorsichtiger: „Sex-Welle), die mehr Freiheit vorgespiegelt als real erbracht hat.

Otto Mainzer: „Die sexuelle Zwangswirtschaft – Ein erotisches Manifest Parabel Verlag, München, 1981; 318 S., 32,– DM.

Ein Buch von heute, ein Buch von damals? Das ist schwer zu entscheiden, und von Belang auch nur für die Frage nach der Originalität der Kerngedanken Mainzers. Revolutionär klingen sie immer, aber inzwischen kennen wir Reich und Arno Plack. Doch Otto Mainzer denkt sein Programm einer Befreiung der Liebe aus der korrumpierenden Verfilzung mit wirtschaftlichen Absicherungen auf sehr eigenständige Weise – ein großer Moralist in jenem Sinne, wie die französische Literatur diesen Begriff versteht. Er denkt es radikal im Doppelsinn des Wortes: an die Wurzel gehend und mit einer Unerbittlichkeit, die durch keinen Widerstand der Realität aus dem Gleis zu bringen ist.

Die sexuelle Korruption“ ist die Erbsünde der Menschheit, die Ehe ihr Urtypus: geschlechtliche Erfüllung wird zum Kaufpreis der Versorgung (und umgekehrt) und damit zur Ware die Folgen sind erotische Verödung der Jugend, Verkümmerung der Instinkte und der Wahrnehmungsfähigkeit, Verflachung der Liebe zum persönlichen „Sex“ und eine allgemeine Unbefriedigtheit, die Unfrieden schafft, sich massenpsychotisch auswirkt in selbstmörderischer Aggression und irrationalem Haß (eine scharfsinnige Analyse: die sexuelle Komponente des Antisemitismus). Denn: „Was am Menschen aufrichtig und zärtlich ist, kommt vom Geschlechtstrieb, hinterhältig und grausam ist nur seine wirtschaftliche Ausbeutung.“ Daß diese Ausbeutung immer wieder greift, dafür sorgt die Verstümmelung des Selbstgefühls in der Erziehung: Sie lehrt, Selbstwert zu schöpfen erst aus sozialer Anerkennung (die verdient werden muß), nicht aus dem ursprünglichen Gefühl eigener Lebendigkeit. Da kann dann auch später Abbau von Zwängen nur Sekundärbefriedigung bringen: Prestige statt Lust, Gerade am Scheincharakter der heute propagierten sexuellen Befreiung bewährt sich die Unbeirrbarkeit von Mainzers diagnostischem Blick; seine Kritik des Hite-Reports etwa ist von vernichtender Klarsicht.

Ein geistig Mutiger schreibt da für geistig Mutige, ermuntert zum zärtlichen Gewahrwerden“ erotisch Wahlverwandter. Ein kämpferischer Geist auch, der mitunter schweres rhetorisches Geschütz auffährt: zum „Partisan der Liebe“ muß der erotisch Begabte werden, er muß „lernen, die konventionellen Stacheldrahtverhaue zwischen den Geschlechtern geistig zu durchschneiden, die Minenfelder vorehelichen Stellungskrieges zu umgehen, auf eigene Faust sich zärtlich Bahn zu brechen“; damit endet für ihn „ein unsagbar schmachvolles System polizeilichen Zwanges und religiöser Suggestion“, das „die Zeugungsorgane beider Geschlechter dem einzelnen enteignet hat: „Die Frau wurde zum unfreiwilligen Brutofen, der Mann zum zwangsläufigen Ernährer einer Brut, die unter strafrechtlichem Druck aus seinen Sündenfällen entsprang.“ Und dann setzt er wieder so feingeschliffene Aphorismen hin wie diesen: Die sexuelle Korruption geht mit der Zeit wie ein Psychoanalyse studierendes Pfäfflein.“

Eine individualistische Philosophie mit souveräner Verachtung der sozialen Sicherheits-Instinkte, auch jener „Komplikationen des Seelischen“, deren Verständnis Freud einst bei seinem ungestümen jungen Schüler Wilhelm Reich vermißte, der mit der Libido-Theorie allzu radikalen Ernst machen wollte? Am Ende muß dann der Staat den freigewordenen, Eros unter seinen schützenden Fittich nehmen, damit nur liebende sich fortpflanzen, diese es ohne um das materielle Gedeihen der Kinder tun können. Das ist nicht ohne Folgerichtigkeit. Aber Administration als Garant ten der Zwanglosigkeir? Käme da nicht die Korruption wieder durch die Hintertür herein, so mußte der Mensch schon so schlackenlos sich; selbst und seiner Ursprünglichkeit wiedergegeben sein, daß es der Institutionen nicht bedürfte. Wir stehen da wieder einmal vor der Dialektik der Aufklärung, ihrer Größe und ihrem Elend – dies sei gesagt mit dem allergrößten Respekt.

Hans Krieger