Von Jürgen Schmidt

Beim Durchhören meiner älteren Stones-Platten passiert mir regelmäßig etwas, was wahrscheinlich allen Neunzehnhundertvierzigern bei solcher Gelegenheit passiert: Ich werde wehmütig. Gegenstand dieser Wehmut ist allerdings weniger der Verdacht, einem musikalisch zwar immer wieder mal angekündigten Umsturz nachtrauern zu müssen, der tatsächlich aber nie stattgefunden hat. Gegenstand meiner Wehmut ist vielmehr das Gefühl eines nur scheinbar unerheblichen Verlustes.

Vorbei die Zeiten, da wir, als Studenten der Ulmer Hochschule für Gestaltung, ausschließlich mit "Around And Around" unter die Duschen im Keller unseres Wohnturms steigen mochten. Vorbei die Jahre, da wir, eine Studentenhochzeit feiernd, morgens früh um sechs noch zu "After-Math" durch den Laubengang unserer Diplomandenunterkünfte tobten. Und vorbei erst recht die Zeiten, da ein Studienfreund und ich, die fleißigsten Plattensammler an der Schule, uns fürchterlich aufregen konnten über die Aufnahmequalität von "out of our heads", der vierten Stones-Langspielplatte.

Das muß eine der ersten "Stereo"-Rock-LPs hierzulande überhaupt gewesen sein und war doch – oder vor allem – eine Zumutung, ein zusammengepanschtes, obertönereiches Stück akustischen Schrotts für neunzehn Mark und achtzig, und von Stereo keine Spur! Die England-Ausgabe desselben Titels wurde zunächst denn auch nur als Mono-Pressung verkauft.

Und trotzdem konnten wir uns gerade an dieser England-Version nicht satthören, was zu allerletzt an den teils weltläufig-nichtssagenden, teils doppelsinnig-anzüglichen Texten lag. Entscheidender war die buchstäblich elektrisierende Wirkung insbesondere zweier Stücke, "The Last Time" und "Satisfaction" – das eine ein beschwingend-hochmütiges Jammertallied, dessen Form-Inhalt-Brüche uns damals allerdings kaum aufgefallen sind, und das andere eine beschwörende Rock-Blues-Soul-Mischung zum Thema "Frust oder nicht Frust, das ist hier die Frage". Jedenfalls ging es in "Satisfaction" nicht nur um gewisse Sehnsüchte (wonach wohl!), sondern auch um die dazugehörigen Ängste (wovor wohl!), und handelte es sich hier nicht nur um ein Dokument großstädtischer Ausgelassenheit, sondern auch um ein unzweideutig-zweideutiges Zeugnis halbstarker Obszönität.

Hinzu kamen, wie angedeutet, atmosphärische und musikalische Qualitäten. Denn niemand konnte damals vor siebzehn Jahren so süffig die Mundharmonika blasen und so sinnlich-nasal singen wie der ehemalige Student des Finanzwesens Mick Jagger.

Niemand konnte einen Shuffle, Limbo oder Shake so satt grundieren wie der Baßmann und einstige Kirchenchorknabe Bill Wyman.