Es tut sich etwas unter der deutschen literarischen Leserschaft. Plötzlich kreisen Gespräche nicht mehr nur um Neuerscheinungen der westdeutschen Literatur, sondern man nennt mit Nachdruck die Namen lateinamerikanischer Autoren, gibt einander staunende und begeisterte Berichte von der Lektüre von Büchern aus Mexiko und Argentinien, aus Brasilien und Kolumbien

Sicher ist es immer noch eine Minderheit von Lesern, die aus dem Germano- und Eurozentrismus in der Literatur auszubrechen versucht, aber ganz unvermutet gibt es auch studentische’ Diskussionsgruppen, die sich mit lateinamerikanischer Literatur beschäftigen, bei denen die Namen Mario Vargas Llosa, Juan Rulfo oder Alejo Carpentier mehr gelten als die Autoren unseres bundesdeutschen „Sozial-Liberalen Sozialismus“. Was seit Jahrzehnten, in denen Übersetzungen aus der lateinamerikanischen Literatur in unserer Belletristik unterrepräsentiert waren, nicht glückte, könnte nun vielleicht gelingen: Daß wir einen literarischen Kontinent wahrzunehmen beginnen, dessen Bedeutung nach Meinung der Kenner in unserem Jahrhundert überragend ist.

Die Woche, in der während des Kulturfestivals „Horizonte ’82“ in Berlin die lateinamerikanische Literatur Thema war, könnte helfen, das steigende Interesse zu stützen, ihm auch Orientierung zu geben.

Denn Orientierung tut not bei der bis jetzt diffusen oder summarischen Bekanntschaft mit der mittel- und südamerikanischen Literatur, die in der Spannung zwischen fortwirkender, tradierter europäischer Kultur und Sprache und der lateinamerikanischen Wirklichkeit lebt. Die Lesungen und Podiumsdiskussionen in Berlin ließen die ungeheuer unterschiedlichen Lebens- und Publikationsbedingungen deutlich werden, unter denen zwischen Mexiko-City und Buenos Aires und im Exil Literatur entsteht, die wir von Europa aus vage als ein einheitliches Corpus wahrnehmen. Wir können staunend lernen über das Leben und die Literatur in Ländern, mit denen verglichen wir in Europa ein Wohlstandsdasein führen, während dort, zwischen El Salvador und Argentien, die Menschen zu Tausenden niedergemacht werden oder verschwinden, sich nicht äußern dürfen oder ins Exil gehen müssen. Armut, Analphabet tismus und Ausbeutung herrschen dort in einem Maße, wie wir es wohl auch gar nicht so recht wahrnehmen wollen, weil der nordamerikanische und unser europäischer Wohlstand mittelbar oder unmittelbar damit verknüpft sind.

Das Gefährliche an dem aufkeimenden Interesse an Lateinamerika könnte sein, daß wir wieder einmal Mittel- und Südamerika als eine Art Projektionsschirm unserer eigenen Sehnsüchte und Bedürfnisse benutzen, den Reichtum und die Widersprüche des dortigen Kontinents literarisch goutieren und bewundern, ohne uns auf die politische und wirtschaftliche Wirklichkeit einzulassen. Das ästhetische und stoffliche Interesse könnte die Wahrnehmung der Wirklichkeit der lateinamerikanischen Länder verdrängen, einer Wirklichkeit, die vom Völkermord an den Indios im 16. Jahrhundert bis zur rücksichtslosen Abholzung des Amazonas-Urwaldes nur mit europäisch-nordamerikanischem Zutun so wurde, wie sie ist. Die Gefahr steckt im Exotismus als Ästheticum oder, wie Mario Vargas Llosa spöttisch formulierte: „Hoffentlich machen sich die Europäer nicht wieder ein ,mystisches‘ Bild von Lateinamerika.“

Doch die Faszination durch das Fremde ist nicht ganz auszuschalten, und das Interesse an der lateinamerikanischen Literatur ist auch der Reflex auf unseren nivellierten Wohlstand, auf unsere Gesellschaft, deren Mechanismen viel abstrakter funktionieren. So zynisch es klingt: In Ländern, in denen Armut und Reichtum krass nebeneinanderstehen, unterentwickelte ländliche Regionen neben abgasverpesteten Großstädten, Reste von Indianerkulturen neben höchstem zivilisatorischen Raffinement, in denen die wenigen überlebenden Ureinwohner neben Menschen aller Rassen leben und in denen kein „Soziales Netz“ verhindert, daß Millionen aus dem money-makingsystem ins Elend stürzen oder nie in dieses System hineinkommen – in solchen Ländern haben auch die Schriftsteller eine handgreiflichere, konkretere Wirklichkeit vor sich, an der sie sich erzählend und dichtend abarbeiten müssen.

Das Krasse, das Grelle, die Fallhöhe, die diese Gesellschaften für all ihre Mitglieder bereithalten, vom Hunger bis zum Militärputsch; die Extreme, zwischen denen das Leben sich dort bewegt, von der IBM-Niederlassung bis zum Ritualmord, von traditioneller Religiosität bis zu technisch instrumenteller Rationalität – diese grauenhafte und bunte Realität teilt sich offenbar der Literatur als Bilderreichtum, Anschaulichkeit, Spannung mit, als das ästhetisch hinreißende Gegenteil dessen, was einer der südamerikanischen Autoren als das „zwar Interessante, aber ein bißchen Rachitische“ beispielsweise des Nouveau Roman bezeichnete. Die Begriffe und Adjektive, die im Zusammenhang mit lateinamerikanischer Literatur immer wieder auftauchen – Kraft, Sinnlichkeit, Vielfalt, Barock, Fülle, Intensität, Phantastik –, Tänzer und Trompeter, Tonfiguren, Teotihuacan, um 100 n. Chr.