Die Überschrift war herzerfrischend bildhaft: "Sexfallen für liebestolle Käfer". Mit dieser Metapher klärte die Ulmer Südwestpresse vor einem Jahr ihre Leser über die jüngsten Erfolge moderner Schädlingsbekämpfung auf. Biologen, Chemiker und Forstleute bombardieren, so erklärte das Blatt, Ungeziefer wie zum Beispiel Borkenkäfer längst nicht mehr mit chemischen Keulen, sondern rücken den Plagegeistern mit viel raffinierteren Stoffen zu Leibe – mit Pheromonen. Das sind körpereigene biochemische Lockstoffe, mit denen sich Insekten bei der Nahrungssuche, aber auch während der Partnerwahl und Fortpflanzung verständigen – die Borkenkäfer streckten vor ihren eigenen Lockstoffen die Waffen.

Eines ist bis heute freilich wenig bekannt: Trotz aller Erfolge bleiben die Fallensteller unzufrieden, denn nicht jeder Käfer plumpst in ihre Plastikkübel, die mit diesen Pheromonen bestrichen sind und so zur tödlichen Falle werden. Um im Bild zu bleiben: Einige Käfer behalten trotz heftigstem Liebesverlangen kühlen Kopf und wittern die Gefahr, daß die künstlichen Lockstoffe nicht ganz astrein sind. Des Rätsels Lösung sind jetzt drei Tübinger Forscher näher gekommen. Professor Volker Schurig vom Institut für Organische Chemie der Eberhard-Karls-Universität und seine beiden Doktoranden Roland Weber und Klaus Hintzer fanden heraus, daß die natürlichen und künstlichen Pheromone eben doch nicht völlig identisch sind, sondern sich in einem ganz wesentlichen Punkt voneinander unterscheidender Chiralität oder Händigkeit. Darunter verstehen Naturwissenschaftler ein Evolutionsphänomen.

Moleküle kommen immer in zwei Formen vor, die sich wie die linke zur rechten Hand verhalten. Ihrer Gestalt nach sind zwar beide gleich, doch als Bild und Spiegelbild lassen sie sich nie miteinander zur Deckung bringen. Das führt in manchen chemischen oder biologischen Prozessen zu Schwierigkeiten, vergleichbar dem vergeblichen Versuch, mit der rechten Hand in einen linken Handschuh zu schlüpfen.

Warum sich die Evolution auf die Händigkeit eingelassen hat, ist bis heute unbekannt. So wissen wir beispielsweise nicht, warum alle Lebewesen auf der Erde, vom Bakteriophagen bis zum Menschen, immer nur aus der einen Sorte Aminosäure und Zucker bestehen, obwohl die spiegelbildlich belebte Welt genauso wahrscheinlich und in allen Eigenschaften völlig identisch wäre.

Geradezu ein Verwirrspiel hat die Evolution mit den Pheromonen getrieben. Damit konnten die Insekten vielen Wissenschaftlern jahrzehntelang ein Schnippchen schlagen. Ihre Lockstoffe bestehen teils zu hundert Prozent aus den einen Molekülen, teils ausschließlich aus ihrer spiegelbildlichen Form, und um die Sache noch mehr zu erschweren: Mischformen sind ebenso möglich. "Es ist durchaus denkbar", sagt Professor Schurig, "daß kanadische Borkenkäfer ausschließlich die eine – mit A’ bezeichnete – Sorte Pheromone aussenden, deutsche Käfer aber solche der Molekülform ’A und wieder andere Käfer Gemische aus leiden Molekülsorten."

Solange aber die Schädlingsbekämpfer nicht wissen, mit welchen Pheromonen sie es im Einzelfall zu tun haben, betreiben sie mit ihren synthetischen Produkten ein Glücksspiel mit nicht allzu großen Gewinnchancen. "Aus energetischen Gründen setzen sich die künstlichen Lockstoffe stets zur Hälfte aus der einen Molekülsorte und zu den anderen fünfzig Prozent aus ihrer Spiegelbildform zusammen", begründet Schurig die bisherigen Mißerfolge.

Das Tübinger Forscher-Trio stieß jetzt aber auf ein recht elegantes Verfahren, mit dem sie selbst bei einem Zehnmillionstel Gramm Insekten-Pheromon noch immer ziemlich genau bestimmen kann, mit welcher Molekülsorte oder mit welchem Gemisch sie es zu tun hat. Viele organische Verbindungen reagieren mit Metallkomplexen auf ganz spezifische Weise. Die Tübinger Chemiker bedienten sich dessen; sie verwendeten bei ihren Versuchen Pheromone und Kampfer. Sie ließen in einer analytischen Säule (Gaschromatographie) die Pheromone von Borkenkäfern, Olivenfliegen oder Wespen über die Metallatome von Kampferverbindungen streichen. Das Ergebnis war beeindruckend. Wie von unsichtbarer Hand gesteuert, trennten sich die Moleküle voneinander. Während die einen Moleküle die Metallatome als günstige Verbindungen erkannten, verschmähten die spiegelbildlichen den Detektiven – am Kampfer schieden sich die Geister.

Professor Schurig ist zuversichtlich, daß sich mit diesem gaschromatographischen Verfahren jedes Insektenpheromon in seiner molekularen Zusammensetzung exakt bestimmen läßt. Die Konsequenz: Jedes pheromonale Schädlingsbekämpfungsmittel ließe sich der natürlichen Form genau anpassen, der Wirkungsgrad wäre um ein Vielfaches höher. Um synthetische Lockstoffe indes in Zukunft aber wirklich professionell anzuwenden, träumt Schurig im Moment noch von etwas ganz anderem – einem Trennapparat, der große Mengen synthetischer Lockstoffe von selbst in Bild- und Spiegelbildmoleküle trennt. Dann hätten es Schädlingsbekämpfer nämlich leicht: Drei Teile A’ aus diesem Topf, ein Teil ’A aus jenem – und selbst der "kühlste" Borkenkäfer wäre vor Liebe so von Sinnen, daß er das mit seinem Leben bezahlen müßte. Volker Looman