Bemerkenswert

Wolfgang Amadeus Mozart: "Sinfonien". Auch in unabsehbarer Zukunft wird der Name Karl Böhm einen der möglichen Höhepunkte in der Mozart-Interpretation bedeuten. Aber die Zeiten ändern sich, und wir uns mit ihnen. So wundert es nicht, daß Böhms klassisches Ebenmaß mit der bewußten Tendenz, harte Kanten und Ecken abzurunden, abzuschleifen, inzwischen durch ganz andere ästhetische Vorstellungen ergänzt, um nicht zu sagen: abgelöst werden soll. Schon Neville Marriner hatte in den siebziger Jahren (Philips 6769 054 und 043) mit der Londoner Academy of St. Martins-inthe-Fields das Pendel zur anderen Seite hinüberschlagen lassen, hatte mit modernen Crescendi und ganz "neuen" Tempi eher den empfindsamen Mozart betont. Dann, im Zuge der "historisch-kritischen" Aufführungspraxis, hatten Jaap Schröder und die Academy of Ancient Music (Decca 6.35 505 ff) auf tiefem Kammerton und alten Instrumenten die "Salzburger Sinfonien" zurückgeholt in höfisches Rokoko-Musizieren. Den jüngsten Versuch unternahm Thomas Wilbrandt, ein Dirigenten-Schüler so unterschiedlicher Lehrer wie Paumgartner, Maderna und Swarowsky, Assistent dann bei Karajan, der sich aus Mitgliedern der Berliner Philharmoniker eine "Berliner Kammer-Akademie" zusammenstellte. Ein bißchen akademisch mutet deren Mozart zwar auf den ersten Eindruck an. Dann aber stellt sich heraus, daß der junge Wilbrandt den Partiturtext exakter realisiert als alle großen Stars vor ihm, die kleinen Nuancen der Notation, die Sforzati und Crescendi, die Pausen und Punktierungen, die Legati und die Staccati wirklich als solche hören läßt. Das geht weder in die romantisierende noch in die historisierende Richtung – wohl aber in die Präzision. Schade nur, daß die Klangtechniker gerade diesem Versuch der größtmöglichen Treue so wenig entgegenkamen und eine fast erschreckend flache Aufnahme mischten; sie desavouiert die sehr ernst zu nehmenden Bemühungen des Dirigenten über Gebühr (Sinfonien KV 201, 319; RCA RL 30 791). Heinz Josef Herbort

Hörenswert

"The World ’s Greatest Marches" – das ist eine freche Behauptung, und natürlich stimmt sie trotzdem: Superlative dieser Gattung sind ein beliebtes Spielzeug von Anthologen, das weder richtig noch falsch ist, sondern nur überzeugend oder schlecht gehandhabt wird. Diese Sammlung von fünfundzwanzig "all-time favorits" ist Leonard Bernsteins Auswahl, die New Yorker Philharmoniker musizieren sie, bekennen sich also zu ihr – und sie machen ihre Sache mit Hingabe und so gut, daß es auch hierzulande nicht schwerfällt, daran ein Vergnügen zu haben. Man hört gleich ein Bündel Sousa (sechs Märsche, die meisten selbst Europäern im Ohr), man hört den Radetzky-Marsch und die Marseillaise, aber auch Viervierteltakt-Musiken von Grieg und Mendelssohn, Verdi und Prokofieff, Ippolitow-Iwanow und Berlioz und anderen mehr (aber, o Himmel, keinen von Beethoven). Manche dieser Musiken läßt den alten Stolz (und die alte Überheblichkeit) ahnen, manchen hat die Geschichte Züge von Komik beigefügt, blutrünstig hört sich nichts an – selbst "Rule Britannia" provoziert in der Vorstellung eher ein Militärballett in bunter Gala als den Feldzug auf den Falkland-Inseln. (CBS 79 257, 2LP)

Manfred Sack