Nichts geht mehr ohne Libero. Franz Beckenbauer war in dieser Rolle einst perfekt Seinen Part spielt in der deutschen Fußball-Nationalmannschaft bei der Weltmeisterschaft in Spanien der ehemalige Gladbacher Uli Stielike von Real Madrid. Ein Libero – was ist das eigentlich?

Von Gerhard Seehase

Die deutsche Elf wirkte wie ein angeschlagener Boxer, dem "die Ecke" nicht mehr beistehen kann. Bundestrainer Schön saß am Spielfeldrand sehr weit weg, und hunderttausend Zuschauer im Hampden-Park von Glasgow warteten auf das Führungstor der Schotten. Es war längst fällig. Doch da stand im Abwehrzentrum der Deutschen immer wieder dieser "damned boy" im Wege, der unmittelbar vor der Nase seines Torwarts Schwerarbeit verrichtete und keine Sekunde die Übersicht verlor...

Es war am 16. April 1969 in einem Qualifikationsspiel zur Weltmeisterschaft in Mexiko, und der "damned boy", wie ihn die schottischen Journalisten schon nach der ersten Viertelstunde des Spiels voller Hochachtung genannt hatten, war Franz Beckenbauer. Als die Periode des Sturms und Drangs der Schotten ohne Schaden überstanden war, da machte sich dieser Teufelskerl doch tatsächlich immer häufiger auf den Weg nach vorn in des Gegners Hälfte, ein Abwehrchef, der nun auch noch Angriffe dirigierte.

Der Posten, den Franz Beckenbauer in diesem schließlich 1:1 endenden Spiel ausfüllte, hat einen Namen: Libero. Wer unter den Zuschauern im Hampden-Park vorher nicht wußte, was das sei, ein Libero, der wußte es nachher: Franz Beckenbauer bot Anschauungsunterricht über die Möglichkeiten dieser Rolle im taktischen Konzept des modernen Fußballs.

Der Libero ist, nehmen wir es wörtlich, der "freie" Mann in der Abwehr einer Fußballelf. Er braucht sich um keinen direkten Gegenspieler zu kümmern und kann deshalb als zusätzliche Sicherung immer an den Knotenpunkten der Gefahr auftreten. Aber sein Amt ist nicht nur Abwehr. Man erwartet von ihm rasante Ausflüge in die gegnerische Spielhälfte, wo er – auch hier ohne direkten Gegenspieler – den eigenen Angriff an den Brennpunkten der Entscheidung verstärken soll. Sogar Tore werden von ihm erhofft. Franz Beckenbauer hat auch in dieser Hinsicht die Erwartungen erfüllt.

Die Rolle des Libero verlangt von einem Spieler vor allem zweierlei: Kondition und Spiel-Intelligenz. Seine Ausflüge nach vorn sollen und dürfen überraschend, verblüffend, gewagt sein, dabei darf er aber die eigene Abwehr nicht mit einem unkalkulierbaren Risiko belasten. In der Abwehr soll er immer schon die konstruktive Möglichkeit für den Aufbau des eigenen Angriffs erkennen. Ein Libero ist also, vereinfacht gesagt, ein Verteidiger, der stürmen, und ein Stürmer, der verteidigen kann.