ARD, Sonntag, 20. Juni, 21.10 Uhr: "Der starke Stamm". Volksstück von Marieluise Fleißer

Vor sechzehn Jahren spielte die bayrische Schauspielerin Ruth Drexel an der Berliner Schaubühne am Halleschen Ufer (deren Aufstieg erst noch bevorstand) unter Hagen Mueller-Stahls Regie in Marieluise Fleißers Volksstück "Der starke Stamm" eine geldgierige Kleinbürgerin aus der bayrischen Provinz: Balbina Puhlheller, die nach dem Tod ihrer Schwester im Haus ihres Schwagers, der vielsagend Bitterwolf heißt, zum Hausdrachen wird. Despotisch und unansehnlich, auf egozentrische Weise fürsorglich, gehört sie zum festen Personal bayerischer Volksstücke. Bösartiger, skrupelloser, rachsüchtiger (erzählt Marieluise Fleißers Volksstück) gehört sie zur kleinbürgerlichen Wirklichkeit, nicht nur in Ingolstadt.

1979 spielte sie die Rolle noch einmal: Dieter Giesing inszenierte den "Starken Stamm" im Bayerischen Staatsschauspiel.

Damals feierte die Bundesrepublik ihr dreißigjähriges Jubiläum. Das Programmheft enthielt eine Menge Material zur Gründerzeit und deren Geschäften. Auch Bitterwolfs Haus trägt überdeutliche Spuren der Aufbauphase: eine Wand ist noch nicht verputzt, die Gardinen werden erst angeschafft. Für Giesing und seinen Bühnenbildner Herbert Kapplmüller sind Balbinas skrupellose Geschäfte mit Spielautomaten, Pornobildern und Busfahrten zum Ort einer angeblichen Marienerscheinung typisch für die politische Moral der Republik. Balbina Puhlheller: eine Schwester von Münnemann und Grundig, von Neckermann und Jahn? Am Ende, wenn sie ihrem Schwager (gespielt von Hans Brenner) aus Rache den Gerichtsvollzieher ins Haus geschickt und sich zum Metzgerjackl zurückgezogen hat (den der unvermeidliche Toni Berger spielt), zieht Bitterwolf seine neu erstandenen Vorhänge zu: wird er insgeheim das offensive Geschäftsgebaren seiner Schwägerin übernehmen, ein verbitterter Wolf der Produktion und des Konsums der Aufbauphase? Den "Starken Stamm", die deutschen Kleinbürger, sieht Giesing kurz nach der Niederlage auf dem Weg an die Macht.

Giesing hat versucht, was sonst kaum ein Regisseur wagt, ein zeitgenössisches Stück nicht nur zu bebildern, sondern zu aktualisieren. Dabei konnte er allerdings nur zeigen, daß Marieluise Fleißers Komödie kein Parabelstück über die fünfziger Jahre ist. Je grimmiger Ruth Drexel ihre skrupellose Geschäftspraxis vorführt, desto mehr nähert sie sich ihren harmlosen Schwestern aus dem Volksstück: ein bayrischer Hausdrachen will seine Verwandtschaft mit Krupp beweisen. Das ist auch eine Komödie. Aber sie ist nicht halb so abgründig, wie Marieluise Fleißers Volksstück von Balbina Courage, der bösen Marketenderin aus Niederbayern.

Helmut Schödel