Ein Vertrag schiebt Wohnungsspekulationen einen Riegel vor

Von Heinz-Günter Kemmer

Der vorherrschende Farbton ist ein schmutziges Grau. Die Häuser sind klein, die Straßen eng und verwinkelt. Aber dazwischen ist viel Grün. Zu jedem Haus gehört ein Stück Garten – im Gegensatz zu modernen Reihenhaus-Siedlungen oft genug noch zum Gemüseanbau genutzt. Es ist die Viktoria-Siedlung in Lünen. Ihren Namen hat sie von der angrenzenden Schachtanlage. Und sie ist ein Musterbeispiel für die vielen Zechensiedlungen, die es im Ruhrgebiet gibt.

Diese Siedlungen entstanden meist in der Zeit von der Jahrhundertwende bis zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs, als der Ruhrbergbau seine neuen Arbeitskräfte aus den ländlichen Gebieten des deutschen Ostens und aus Polen rekrutierte. Mit niedrigen Mieten, mit einem Stück Gartenland und mit Stallungen für die Kleinviehhaltung lockte man die Leute ins Revier.

Die Viktoria-Siedlung ist um 1910 herum bezogen worden. Seitdem hat sich wenig geändert. So jedenfalls sieht es von außen aus. Aber die Bergleute von heute sind natürlich mit dem Wohnstandard von 1910 nicht mehr zufrieden. Mit Zustimmung des Eigentümers – der Harpener AG – haben sie selbst Hand angelegt und ihre Häuser modernisiert. „Wahre Schmuckkästchen sind so entstanden“, lobt Ruhrkohle-Arbeitsdirektor Fritz Ziegler.

Am Krummen Weg 41 wohnt der Grubenelektriker Georg Franke, 44 Jahre alt und seit 30 Jahren im Bergbau tätig. Im Februar 1981 hat er seine Doppelhaushälfte gemietet und dann gleich die Ärmel aufgekrempelt. Einen in das Haus integrierten ehemaligen Stall hat er in Küche und Badezimmer verwandelt – die Wohnfläche stieg von 56 auf 72 Quadratmeter. Eine Fertiggarage hat er aufgestellt, die Einfahrt dazu mit Verbundstein gepflastert, eine Terrasse geschaffen.

Eingezogen ist er hier, weil die niedrige Miete lockte. 340 Mark in Monat zahlte er zuvor für eine Mietwohnung an die Neue Heimat – Harpen machte es für die Hälfte. Ganze 172 Mark mußte Franke berappen. Dies allerdings für ein Haus, das seine Frau anfangs nur mit Grausen betrat. Aber inzwischen ist es zu einem der Schmuckkästchen geworden, von denen Fritz Ziegler spricht.