Von Roger de Weck

Zürich

Im Bundeshaus zu Bern hat sie jetzt "ein eigenes Büro und endlich eine rechte Schreibmaschine". Die Briefe tippt sie selbst; ihr fehlt das Attribut der Wichtigkeit: eine Sekretärin. Hedwig Lang bekleidet das höchste Amt, das die Eidgenossen zu vergeben haben. Ein Jahr lang führt sie den Vorsitz über die große Kammer des schweizerischen Parlaments, über den "Nationalrat". Nebst Schreibmaschine und Schreibgerät stehen der Präsidentin noch ein Diplomatenpaß, eine Kostenpauschale im Gegenwert von zwanzigtausend Mark und – auf Wunsch – ein Mercedes mit Chauffeur zu. Damit sind die Privilegien, die der ersten unter den Schweizerinnen und Schweizern zustehen, erschöpft.

Hedi Lang, die Frau von nebenan, lebt in einer Kleinstadt des Zürcher Oberlands: Wetzikon. Wetzikon, gut fünfzehntausend Einwohner; die Kinder radeln die Bahnhofstraße hinauf an der Kirche vorbei zur Schule. An der Bahnhofstraße steht das "Flarzhaus" von Hedi Lang, wie die Oberländer sagen: Das Reiheneinfamilienhaus ist nur gerade ein Zimmer breit. Im Erdgeschoß schläft sie, im ersten Stockwerk kocht und ißt sie, im zweiten steht ein überladener Schreibtisch. Als sich der Besucher mit Hedi Lang unterhält, kommt die Nachbarin Rosa vorbei, eine Strickarbeit in der Hand. "Setz dich doch zu uns!" Rosa lehnt ab und verweist auf das Strickzeug: "Wenn ich euch zuhöre, mache ich Fehler."

In der engmaschigen Schweiz beginnt fast jede politische Karriere mit der Übernahme verantwortungsvoller Ämter in der eigenen Wohngemeinde: Spitalkommission, Schulpflege, Gemeinderat. Vor zwanzig Jahren wurde Hedi Lang in die Schulbehörde von Wetzikon gewählt. Zwar durfte sie den Bau des neuen Schulhauses planen, doch das letzte Wort hatten die Männer, sie legten sonntags ein "Ja" oder ein "Nein" in die Urne. Den Frauen war das Stimmrecht damals noch verwehrt. "Es hat mich richtig gewurmt. Man wächst in eine Gesellschaft hinein und nimmt solche Dinge hin..."

Im Jahre 1961 trat Hedi Lang der Sozialdemokratischen Partei bei. Die endgültige Entscheidung dazu fiel am "Tag der Arbeit", als sie sich wieder einmal zur Kundgebung einfand. Der wortgewaltige 1.-Mai-Redner war kein anderer als ihr Mann Erwin Lang. Derweil er die Leistungen seiner Partei rühmte, "wurde mir bewußt, daß es die Sozialdemokraten braucht, damit die Arbeiter nicht zu kurz kommen. Hätte niemand für den sozialen Fortschritt gekämpft, wäre mir keine Ausbildung zuteil geworden."

Der Berufsberater meinte seinerzeit, die zweite Tochter des Käsers Lang "könnte eine gute Korsettschneiderin geben" – das Mädchen absolvierte eine Banklehre. Und es verliebte sich in Erwin A. Lang, den sozialdemokratischen Gewerkschaftsführer, Kantonsrat und Redakteur. Es waren für ihn der Ämter zuviel. Der Mann vernachlässigte seine Zeitung, Arbeit, Hedi sprang ein und wagte erste Artikel. Obwohl oder gerade weil das Zeilengeld nicht allzu großzügig bemessen war, wurden es immer mehr. 1967 rückte Erwin Lang als erster Ersatzmann in den Nationalrat nach – zwei Jahre später verlor er wieder seinen Sitz in der Kammer, die heute seine Frau selbstbewußt präsidiert.