Von Klaus Mehnert

Uninteressante Menschen gibt es nicht“, heißt es in einem Gedicht des sibirischen Poeten Jewtuschenko. Er hat recht. Doch Hans von Herwarth gehört zu den besonders interessanten. Jetzt hat der aus einer Offiziersfamilie stammende Diplomat, der unter anderem Botschafter in London und Rom sowie Staatssekretär im Bundespräsidialamt war, die wichtigsten Jahre seines Lebens, 1931 bis 1945, beschrieben. Seine Leitmelodie heißt Rußland. Dort verbrachte er die ersten acht Jahre an der Deutschen Botschaft und einen großen Teil der letzten vier Jahre als Offizier der Wehrmacht. Klugerweise hat er sein Buch auf diese vierzehn russischen Jahre beschränkt:

Hans von Herwarth: „Zwischen Hitler und Stalin. Erlebte Zeitgeschichte 1931-1945“; Propyläen-Verlag, Frankfurt-Berlin-Wien 1982,367 S., 48,– DM

Von den acht Jahren in Moskau gibt Herwarth eine höchst anschauliche und reizvolle Schilderung. Da ich zwischen 1929 und 1936 auf jährlichen Rußlandreisen insgesamt zwei Jahre in der UdSSR verbrachte und als Student, dann als Journalist häufig im Wohnheim der Botschaft in der Kalaschnyj-Gasse mit Herwarth und einigen seiner Kollegen unter einem Dach wohnte, war ich auf diesen Teil des Buches besonders gespannt.

Da waren sie alle wieder – die deutschen Botschafter jener Jahre (von Dirksen, Nadolny, Graf von der Schulenburg), samt vielen anderen deutschen Diplomaten. Um drei von ihnen wurde unsere Botschaft von den anderen Vertretungen besonders beneidet: um Botschaftsrat Gustav Hilger und Militärattache Ernst Köstring, beide Moskau-Deutsche, die allein schon aus sprachlichen Gründen ausgezeichnete persönliche Beziehungen in russischen Kreisen besaßen, und um den Landwirtschaftsattache Otto Schiller, der wie kein anderer Ausländer und besser als viele sowjetischen Funktionäre die Lage in der Landwirtschaft kannte. Da war das überaus rege gesellige Leben unter auf Handvoll westlicher anregendsten im Sommer auf den Datschen, am amerikanische in der Datscha, die hatten. jüngere amerikanische Diplomaten gemietet hatten.

Die deutsche Botschaft war damals nach meiner Beobachtung die am besten informierte in Moskau, dicht gefolgt von der amerikanischen, die über hervorragende junge Leute verfügte, darunter die späteren Botschafter George F. Kennan, den Friedenspreisträger des Deutschen Buchhandels in diesem Jahr, und Charles E. Bohlen. Und überall war Herwarth, seit seiner Schulzeit und bis heute ab Johnnie bekannt, beliebt – jugendlich, immer freundlich, überall gut Freund und stets ausgezeichnet informiert.

Wer es nicht wußte (und es wußten nur wenige), hätte nie geraten, daß über diesem heiteren jungen Mann, der zu den meisteingeladenen Junggesellen in Diplomatenkreisen gehörte, ein Schatten lag, der sich mit den Jahren verdüsterte: Er war von einer Großmutter her „Nicht-Arier“. Die Botschaft in Moskau, die in den Augen Hitlers und seiner Leute als diplomatischer Härteposten galt, war für ihn ein glückliches Refugium. Die deutschen Diplomaten, die sich damals aus Überzeugung um gute Beziehungen zwischen Berlin und Moskau mühten, habe ich Hitler gegenüber schon vor 1933 erst als skeptisch, dann als kritisch und schließlich als feindlich erlebt. Sie hielten eisern zusammen, auch wenn es darum ging, Johnnie zu schützen.

Für Herwarth kam die entscheidende Wende im Spätsommer 1938. Über die glatte Besetzung des seit Versailles demilitarisierten Rheinlandes natte sich Herwarth 1936 noch gefreut. Aber Hitlers Politik gegenüber der Tschechoslowakei öffnete ihm die Augen: Der Mann war zum Krieg bereit, wenn dieser zur Erreichung seiner Ziele erforderlich sein sollte. Ganz allein, ohne Absprache mit irgend jemand, stemmte sich Herwarth diesem Kurs entgegen. In geheimen Gesprächen mit je einem britischen und einem franzosischen Kollegen setzte er ihnen auseinander, Hitler werde sich nur dann nicht daran machen, die Tschechoslowakei zu zerschlagen, wenn London und Paris ihm klipp und klar sagten, daß dies für sie ein Kriegsgrund sei. Die beiden Botschafter informierten ihre Regierungen (die Telegramme existieren heute noch), aber diese hinderten Hitler nicht daran, im Oktober 1938 das Sudetenland dem Reich einzugliedern (was man noch verstand, da dort dreieinhalb Millionen Deutsche lebten) und im März 1939 die „Resttschechei“ zu besetzen.

Jetzt begann Stalin einzusehen, daß England und Frankreich, die sich zu jener Zeit ein Abkommen mit Moskau wünschten, als Bundesgenossen gegen Hitler nichts wert waren, und so faßte er ein Abkommen mit Hitler ins Auge. Die deutsche Botschaft, nun unter Schulenburg, geriet in eine paradoxe Situation: Seit Jahren mühte sie sich um eine deutsch-sowjetische Annäherung, aber jetzt, da sie bevorstand, scheute sie sie. Herwarth, der den Mut hatte, die Konsequenzen bis zu Ende zu denken, machte sich wieder allein auf den Weg, doch nicht mehr zu den Engländern und Franzosen.

Ab Mai 1939 berichtete Herwarth in einer Reihe von geheimen Gesprächen dem zunächst skeptischen Bohlen, Stalin werde nicht mit den Westmächten, sondern mit Hitler abschließen. In seinen Memoiren – Witness to History, New York 1973 – berichtet Bohlen ein Kapitel lang, und zwar unter wörtlicher Zitierung einiger Telegramme der US-Botschaft ans State-Department, über Herwarths beschwörende Worte: Wenn Hitler das Rennen um einen Vertrag mit Stalin vor den Westmächten gewinnt, ist der Zweite Weltkrieg unvermeidlich. Aber obgleich die Amerikaner London und Paris von dem bevorstehenden Hitler-Stalin-Pakt in Kenntnis setzten, schlief man dort weiter und ließ es zu, daß sich die beiden Diktatoren einigten.

Der Hitler-Stalin-Pakt wurde am 24. August 1939 um zwei Uhr früh unterzeichnet. Schon wenige Stunden später, um neun Uhr, sagte Herwarth zu Schulenburg, er werde nunmehr aus dem Auswärtigen Dienst ausscheiden und zur Wehrmacht gehen. (Diese war damals die – wie sich später zeigen sollte, vergebliche – Hoffnung aller anti-hidenschen Patrioten.) Auch Schulenburg empfand den Pakt, der ja die Krönung seines Lebens hätte sein können, als Katastrophe und sagte: „Dieser Vertrag bringt uns den Zweiten Weltkrieg und stürzt Deutschland ins Verderben.“ Herwarths Kommentar: „Schulenburgs Tragödie war, daß er selbst daran hatte mitwirken müssen.“ Bereits am folgenden Tag war Herwarth, der vor 1933 einige Wehrübungen als Kavallerist mitgemacht hatte, beim Reiterregiment I und sechs Tage später bereits im Einsatz gegen Polen, dann gegen Frankreich und schließlich (inzwischen Leutnant) vom ersten Tag an gegen die UdSSR.

Hier erwuchs ihm eine unerwartete Aufgabe: die Organisation der sowjetischen Gefangenen, die auf deutscher Seite gegen Stalin kämpfen wollten. Es bildete sich eine Vierergruppe: Oberst Claus von Stauffenberg, verantwortlich im Generalstab für die Aufstellung neuer Truppenteile, damit auch für die ausländischen Freiwilligen; Köstring als „General der Freiwilligenverbände“; Schulenburg als Vertreter des Auswärtigen Amtes zuständig für diese Angelegenheiten, und Herwarth selbst. Sie und viele andere, zu denen auch der spätere Bundesminister Theodor Oberländer gehörte, kämpften verzweifelt gegen Hitlers Weisungen, die Menschen in den besetzten Ostgebieten und sogar die auf deutscher Seite kämpfenden ehemaligen Gefangenen wie Minderwertige zu behandein, obgleich es deren zum Schluß rund drei Viertel Millionen gab (10 bis 15 Prozent aller deutschen Einheiten an der Ostfront bestanden aus ihnen!).

In manchem hatten die vier Männer Erfolg, aber auch das war, jedenfalls für die drei alten „Moskauer“, ein schmerzliches Paradox: Sie liebten die Russen und hatten es großenteils mit nichtrussischen Freiwilligenverbänden zu tun (ukrainischen, kaukasischen, turkmenischen und anderen), die aus Haß gegen die Russen für Hitler kämpften.

Immer tiefer wurde Herwarth in den Widerstand verstrickt; er, der als Nichtarier nicht über den Oberleutnant hinauskam, war bei vielen konspirativen Gesprächen mit Offizieren dabei, die im Rang weit über ihm standen. Mitte Juli 1944 fuhr er zu seiner Freiwilligen-Division nach Italien. Am 19. Juli gelangte er todmüde von seiner ständig durch amerikanische Tiefflieger unterbrochenen Reise zu seiner Frau nach Kitzbühel und schlief sofort ein. Als General Stieff, einer der Verschwörer, aus Berlin anrief und dringend ihren Mann sprechen wollte, konnte sich Frau von Herwarth nicht entschließen, ihn zu wecken, und schwindelte, er sei noch nicht aus Italien zurück. Damit rettete sie ihrem Mann wohl das Leben. Denn am 20. Juli mißlang das Stauffenberg-Attentat gegen Hitler. Ein neues düsteres Kapitel der deutschen Tragödie begann.

Herwarth, der in Moskau auf eigene Faust und unter Einsatz seines Lebens den Frieden hatte retten wollen und der trotz Hitler als deutscher Patriot bis zum bitteren Ende in der deutschen Uniform kämpfte, wirkte auch später auf mancherlei wichtigen Posten für das neue Deutschland. In seiner bescheidenen Art setzte er sich erst nach den Enthüllungen Bohlens an den Schreibtisch, um die Moskauer Ereignisse aus eigener Sicht darzustellen, und daraus ist dann dieses Buch entstanden, das vor allem jüngere Leser interessieren sollte, weil es in überzeugender Form über Jahre, Ereignisse und Menschen berichtet, die ihnen so unverständlich und fremd scheinen. Das Buch ist im übrigen zunächst unter dem Titel „Against Two Evils“ auch auf englisch erschienen. Der Kommentar der Londoner Wochenschrift Economic traf den Nagel auf den Kopf: „A noble fight against Hitler.“