Von Gottfried Sello

Es gibt den offiziellen Menzel, den preußischen Hofmaler, den „Ruhmeskünder Friedrichs des Großen und seiner Armee“ (einen Ehrentitel, den Wilhelm II. ihm zuerkannte), an den zu erinnern das Preußen-Jahr 1981 willkommene Gelegenheit bot, ein Maler, dessen Pedanterie schon Max Liebermann auf die Nerven ging. Und es gibt den anderen Menzel, der sich über das höfische und jegliches sonstige Zeremoniell lustig macht, der sich – spielend, zeichnend, malend – über gesellschaftliche und künstlerische Konventionen hinwegsetzt. Es kann aber auch vorkommen, daß der eine mit dem andern Hand in Hand und am gleichen Stück arbeitet.

Der Hamburger Wollhändler und Mäzen Gustav Christian Schwabe hatte 1883 seine bedeutende Sammlung englischer Malerei der Hamburger Kunsthalle gestiftet (wo die inzwischen längst ins Magazin abgewanderte Sammlung Schwabe 1970 einem erstaunten Publikum erneut vorgestellt wurde). Zum Dank beschloß die Hamburger Bürgerschaft 1886, Schwabe zum Ehrenbürger zu ernennen. Alfred Lichtwark, der neu ernannte Direktor der Kunsthalle, brachte ausnahmsweise keine seiner hochfavorisierten Lokalgrößen für den Entwurf eines Ehrenbürgerbriefs in Vorschlag, er betraute mit dieser Aufgabe die Nummer eins im deutschen Kaiserreich, den Berliner Adolph von Menzel. Dieser ließ sich mehrere Monate Zeit und lieferte 1887 nicht die von Lichtwark bestellte Vignette, sondern – zum sechsfachen Preis, der anstandslos bezahlt wurde – ein mittelgroßes Bild, mit Deckfarben und Aquarell auf Pergament gemalt. Es ist eine allegorische und unglaublich komische Komposition, signifikant für den späten Menzel und für das späte 19. Jahrhundert, für ihre Lust an der pompösen Inszenierung und der Persiflage, ein Bild, das den Ehrenbürger feiert und die ganze Ehrenbürgerlichkeit diskret verhöhnt, und das alles auf dem höchsten malerischen Niveau. Da thront, unter einem wundervollen, sich üppig entfaltenden roten Baldachin, die Göttin Hammonia, die mich, mit Verlaub, in ihrer Majestät und ihrer sich üppig entfaltenden Weiblichkeit an die Maria von Medici im monumentalen Allegorienzyklus des Peter Paul Rubens erinnert, in der einen Hand das Zepter, in der andern die Ehrenkrone für den abwesenden Ehrenbürger Schwabe. Vor ihr kniet, im feierlich schwarzen Ornat und respektabel wie der Doge von Venedig auf den Bildern des Paolo Veronese, der Bürgermeister der Hansestadt und schreibt den Namen des verdienstvollen Mitbürgers ins goldene Buch der Stadt, wobei ihm ein niedlicher dicker Putto, der sich in seiner roten Schärpe verheddert, das Tintenfaß hinhält, dieses von Menzel hochgeschätzte und einwandfrei realistische Requisit (Werner Hofmann zitiert es in einem anderen Zusammenhang, als Indiz für Menzels Beobachtermentalität: „... denn es beschäftigt mich das Studium des Tintenfasses, das da vor mir steht, weit mehr, als alles, was Sie sagen...“). Um den Herrn Bürgermeister wirbeln neckische Symbole des Welthandels, hinter ihm erscheint in dunstigem Grau die Stadtsilhouette, ein Wald aus Masten und Fahnenstangen zwischen Michel und dem spitzen Rathausturm, in Strahlen gebündelt (so hätte Feininger Hamburg malen können).

Aber das malerisch Schönste ereignet sich im Vordergrund, unter dem Thron der Hammonia. Da läßt Menzel einen riesenhaften Alsterschwan ins Bild rudern, der konturlos in die bläulich-silbrige Wasserfläche übergeht, wo ein muskulöser Neptun die jugendliche Elbe an sich reißt: Die Allegorie umarmt die Realität. Denn Menzel wäre nicht Menzel, wenn er seine allegorischen Figuren aus der reinen Imagination hätte erstehen lassen. In der Hamburger Kunsthalle sind neben dem Ehrenbürgerbrief auch die Studienblätter ausgestellt, die das köstlich und unanfechtbar belegen. Menzel muß sich große Mühe gegeben haben, ein passendes Modell für seine Hammonia zu finden. Eine würdige Matrone sitzt im Sessel, statt der Krone ein Haarnetz auf dem Kopf – im Bild schaut sie nicht ganz so streng und ernst aus wie auf der Studie. Für die Elbe stand ihm ein außergewöhnlich hübsches Mädchen zur Verfügung, von dem in der Ausführung wegen Neptuns stürmischer Umarmung leider nicht viel zu sehen ist.

Nicht der Hof- und Historienmaler, sondern beispielsweise auch der Humorist wird in der von Eckhard Schaar, dem Leiter des Hamburger Kupferstichkabinetts, inszenierten Menzel-Schau mit hinreißend schönen und komischen (und teilweise unbekannten) Bildern präsentiert. „Auf der Fahrt durch schöne Natur“ (aus einer der berühmten privaten Hamburger Menzel-Sammlungen der Jahrhundertwende) ist keine Auftragsarbeit wie der „Ehrenbürgerbrief“, ist eine glückliche Okkasion, die dem alten Menzel die Reise in der Eisenbahn erster Klasse beschert. Eine Gouache von 1892, eine Satire aufs bildungsbeflissene Bürgertum, witzig wie der andre Berliner Großmeister Heinrich Zille, nur um viele Klassen besser. Vor allem: Menzels Bild ist keine Karikatur, kein Bild für die „Fliegenden Blätter“. Man muß nicht übertreiben, nicht pointieren – die Wirklichkeit ist viel zu komisch, als daß sie das nötig hätte. Die schöne Natur? Man sieht sie nicht, man sieht nur die Reisenden, die sie durch ihre Feldstecher wahrnehmen. Ein soignierter Herr mit Zwicker hält den roten Baedecker in die Höhe und versucht, den schlafenden Herrn gegenüber aufzuwecken. Der Schaffner steht am Fenster und erklärt den Herrschaften, daß sie durch schöne Natur reisen. Das Kind schläft im Polstersessel, die vollbusige Mama im roten Kleid hat einen wundervollen Blumenhut und ein flimmerndes Bouquet in der Hand. In der Eisenbahn: Während Menzel die Geschichte ausführlich, humorvoll, auch sarkastisch, wie sein Freund Theodor Fontane erzählt, schlägt die Anekdote um in reine Malerei.

Man kann die Reihe der humoristischen Arbeiten gerade des späten Menzel beliebig fortsetzen. Dahin gehört mit Sicherheit die köstliche, allegorisch umrahmte Zeichnung des Atelierdieners, der das Atelier aufräumt und sich in der Pose des Künstlers gefällt, eine Satire weniger auf den kreuzbraven Diener als auf die genialische Attitüde des paletteschwingenden Künstlers. Auch die vielen Studien zum „Ballsouper“ zeigen Menzels Vergnügen am komischen Detail. Aber die Zeichnung der jungen Dame an der Balustrade, die sich den Fächer wie ein Opernglas vors Auge hält, ist so schön wie irgendein Degas, und man kann gut verstehen, daß Degas Menzel-Blätter gesammelt und eines seiner Hoffeste kopiert hat.

Es soll nun aber beileibe nicht der humoristische Zeichner statt des auf Preußens Glorie fixierten Künstlers in den Vordergrund gestellt werden. Die Hamburger Ausstellung will Menzel aus den „geläufigen thematischen Kategorien“ heraushalten: „Menzel der Beobachter“. Der Beobachter, schreibt Werner Hofmann, „ist seinen Gegenständen ausgeliefert... ist ein buchstäblich von seinen Wahrnehmungen Besessener“. Diese Besessenheit, dieser Zwang, optische Fakten gleichsam unabhängig von ihrer inhaltlichen, ihrer menschlich emotionalen Bedeutung zu notieren, charakterisiert vor allem den Zeichner Menzel, den frühen ebenso wie den späten. Unter den 210 ausgestellten Arbeiten dominieren die Zeichnungen, wobei zwischen der Skizze als „unmittelbarer Kurzaufnahme des Gesehenen“ (Eckhard Schaar) und der Studie als der bildhaft durchgeführten Zeichnung unterschieden wird. Was aber darüber hinaus die Hamburger Ausstellung auf eine frappierende Weise vor Augen führt: Aus dieser zeichnerischen Manie, die sich spontan und unmittelbar die Welt aneignet, resultiert kein einheitlicher Stil. Das zeichnerische Œuvre erscheint, in der Hamburger Auswahl, unglaublich reich differenziert, so daß jede Festlegung etwa auf den Realisten sich vor dieser Vielfalt der Reaktionen auf das jeweils andere Sujet verbietet. Da gibt es frühe Blätter wie die „Weste Augusts II.“, die an Trockenheit und Penibilität kaum zu überbieten sind, und es gibt, auf der andern Seite, eine „Ecke im Atelier in verwischten Konturen, geheimnisvoll, surreal, wie ein Blatt von James Ensor. Auf einer Frankenreise zeichnet Menzel Barockskulpturen in Würzburg, und dieser ungewohnte Gegenstand wiederum verändert den zeichnerischen Duktus, verleiht den Würzburger Blättern die große leidenschaftliche Bewegung des Barock. Das späte Selbstbildnis (aus den Nürnberger Stadtgeschichtlichen Museen) könnte in den ausfahrenden Strukturen, in der extrem großzügigen Auffassung ein „Brücke“-Künstler gezeichnet haben.

Mit dieser Menzel-Ausstellung setzt die Hamburger Kunsthalle die Reihe ihrer großen Expeditionen in die Kunst des 19. Jahrhunderts fort, zeigt sie den angeblich bekannten Künstler in neuen Zusammenhängen („Menzel der Beobachter“, bis zum 25. Juli, Katalog 30 Mark).