Von Manfred Sack

Von überall her an solche Bilder gewöhnt, hält sich das Auge nicht weiter dabei auf: die Fußgänger-Ladenstraßen mit ihrem Semi-Glanz, der berüchtigte Kaufhaus-Monolith mit dem Feigenblatt einer blinden klassizistischen Fassade zwischen den Schenkelbauten, all die faden Platitüden geschichtsverblendeter Anpassungs-Architekten – schon vorbei. Noch ehe man richtig merkt, daß man Appetit auf eine Frechheit aus Stahl und Glas und Beton mitten im wuchtigen Altstadt-Gemäuer bekommt, hat einen die übermächtige Historie schon unter den Fittichen, wie eine Matrone, die den Besucher gleich mit ihren Geschichten bedrängt: So haben wir hier, und so sehen Sie dort, schon sind wir über den Strudel gefahren und haben in Kuchl an der Donau Bratwürste gegessen, und von diesem Kerkerloch im Rathaus-Verlies, weiß man nun, kommt das Wort einlochen.

Nein, keine Frage: Man hat bald ein Gefühl gespannter Gemütlichkeit, unter diesen weiß gekalkten "romantischen" Gewölben der Galerien voll zeitgenössischer Kunst, in diesen derben Arkadenhöfen, vor den zwanzig klobigen Geschlechtertürmen, die hier, anders als in San Giminiano oder Bologna, nicht von einander verfehdeten, sondern von protzenden Patriziern errichtet worden sind.

Das Mittelalter, aus dem sie wie beinahe alle Häuser der Altstadt stammen, hatte diese Regen-, Naab- und Donaumetropole Regensburg einmal zum blühenden Handelsplatz und zum Machtmittelpunkt Europas – und gleich danach schläfrig gemacht. Jahrhundertelang hatten weder Herrscher noch Bürger noch Spekulanten sie auf Trab gebracht. Da sogar der Zweite Weltkrieg sie mit seinen Bomben verschont hatte, da auch die wirtschaftsbesessenen Jahre danach sie nicht aus der Ruhe zu bringen vermochten, erhielt sie sich fast unverändert so, wie sie seit dem Mittelalter ist, und so komplett, so geschlossen, so brüchig wie wohl keine andere sonst im Lande: ein Bauwunder von Stadt, ein Sanierungsprojekt ohnegleichen.

Jedoch, seit ein paar Jahren scheint die konservativ durchtränkte Stadt wacher zu reagieren als vorher. Es hat sich mancherlei geändert. Und es ist gar kein Zweifel, daß die nimmermüde erstrittene Universität die Ursache ist, und meistens indirekt: Man spürt eine klimatische Veränderung.

Es sei, sagt der Kulturdezernent Bernd Meyer (ein einundvierzigjährigen promovierter Philosoph und ein rechter Sozialdemokrat, der mit der seit vier Jahren regierenden CSU, besonders ihrem Oberbürgermeister offensichtlich gut zurechtkommt), es sei "wirklich viel Neues in den letzten Jahren passiert", o doch, "hier ist vieles möglich"; und wenn das Geld allmählich auch für die Kultur rarer wurde, "müssen wir den Mangel eben mit Ideen und Initiativen wettmachen". In der Unterhaltung mit dem Universitäts-Präsidenten Professor Hans Bungert fällt der Satz: "Regensburg hat sich völlig verändert." Die Galeristin Marion Grcic-Ziersch, vor vier Jahren aus Wuppertal zugezogen, sagt überzeugt: "Ich bin sehr gerne hier"; die Stadt, "natürlich ’ne kleine Welt", sei menschlich, die Leute darin findet sie aufgeschlossen, auch in Sachen Kunst – etwas, das das Galeristen-Ehepaar Wittenbrink, Vertreter radikaler zeitgenössischer Kunst junger Unbekannter, zurückhaltender beurteilt; seine Kunden wohnen auswärts, Galeriebesucher seien meistens Fremde. Aber vier aktive, der Moderne zugewandte Galerien auf einmal in dieser abgelegenen, vom Intercity-Zugverkehr links liegen gelassenen Stadt – das ist schon was.

Walter Boll schließlich, der kritisch geachtete Nestor der Regensburger Kulturpolitik, nennt den "allgemeinen kulturellen Standard Regensburgs heute ungleich höher als früher". Da er das Kunststück einer von 1928 bis 1968 reichenden, gleichmäßig unter Schwarzen, Braunen und Roten betriebenen, auch nicht durch das eigene, sich womöglich aufbäumende Gewissen unterbrochenen Karriere fertiggebracht hat – er hat als einziger auch eine sichere Erklärung: "Die ganze Stadt ist wie ein Kind von mir." Es wissen viele davon mit Lob und Leid zu sprechen, und so wird von ihm noch die Rede sein.

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Dieser von so vielen beteuerte kulturelle Aufschwung in den letzten sechs, sieben Jahren hat unweigerlich etwas mit der Institution zu tun, um die sich die Stadt fünfhundert Jahre lang vergeblich bemüht und 1962 endlich bekommen hat. Als fünf Jahre darauf der Lehrbetrieb in den Campus-Neubauten zwei Kilometer südlich der Altstadt, auf sanft ansteigendem Gelände, in der Nachbarschaft von Kasernen begann, war das ein kommunaler Triumph sondergleichen. Wie verwegen der Vergleich auch ist: Seit dem Mittelalter war dies, nach Jahrhunderten der Provinzialisierung, das erste aufregende Ereignis. Von der Universität durfte man füglich erwarten, daß sich die Stadt leicht durcheinanderbringe und belebe. Es schien, als sei damit auch ein Programmpunkt des weiland Kulturdezernenten Walter Boll erfüllt worden: Regensburgs "Ruf als internationale Stadt hochzubringen und "frische Luft reinzulassen".

Die frische Luft empfanden indessen manche als einen etwas zugigen Wind. Denn Regensburg hatte ja nicht irgendeine, sondern eine Reform-Universität bekommen, die von den drei Gruppen der Professoren, der Assistenten und der Studenten paritätisch regiert werden sollte. Man erinnert sich aus dieser Zeit auch der seltsamen Bestrebung, für alle Fächer einen marxistischen Grundkurs zur Pflicht zu machen.

Konflikte mit der Stadt blieben da natürlich nicht aus. Was sich weit hinten in dem unvermutet geschickt gegliederten, sogar ansehnlichen Betonkomplex zutrug, war vielen Bürgern nicht geheuer. So wandelte sich der Stolz auf die Institution nicht in Liebe um, sondern in Skepsis. Inzwischen, nach der radikalen Revision des bayrischen Hochschulgesetzes in den siebziger Jahren, ist aus der roten Universität eine graue geworden, von der bayrischen Ministerialbürokratie so abhängig wie noch nie.

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Spürt die Stadt etwas von ihrer hohen Schule? Der Kulturdezernent Meyer sagt "selbstverständlich". Die Galeristin Grcic merkt es daran, daß man wegen eleganter Sachen nicht mehr nach München zu fahren brauche – "Armani, Miss Valentino, Bally, Cerruti, alles von Bogner, das kriegen Sie jetzt auch hier" –, daß umgekehrt Münchner sich bewogen fühlen, Kunst in Regensburger Galerien, den privaten wie der vielversprechenden städtischen, aufzusuchen. Harald Raab, der leitende Redakteur der Woche, eines Boulevardblatts von gebremster Aufsässigkeit, findet, sie sei "natürlich eine Bereicherung"; ohne sie zum Beispiel kämen Küng nicht hierher und auch nicht Mechtersheimer zu einer Friedenskundgebung, und das Studententheater habe "eine interessante Qualität".

Sicherlich gingen Integration und geistige Belebung wesentlich moderner vonstatten als erhofft, auch viel ärmer an Pointen; doch der Universitäts-Präsident Bungert ist überhaupt nicht um Beispiele verlegen, an denen sich die Beziehung der Universität zu ihrer Stadt erkennen lasse. Er zählt auf: mit Geld der VW-Stiftung wurde eine Patrizierburg in der Altstadt zum "Haus der Begegnung" von Hochschule und Stadt ausgebaut, mit Professoren-Wohnungen, Vortragsräumen, einem (Hof-) Café und, wenn der hintere Flügel ausgebaut ist, auch mit Studentenwohnungen. Es gibt – kaum gehalten, schon gedruckt und flott gehandelt – Vortragsserien von Professoren in der Stadt (über Jubilare wie Darwin voriges Jahr und Luther demnächst), auch Dissertationen über regionale und lokale Sujets, und zwei Professoren sitzen im städtischen Kulturbeirat. Die Universitäts-Bibliothek steht allen Bürgern offen, die Pizzeria schließt der Spaziergänger im Uni-Park auch sonntags nicht, im Studentenhaus gibt es das Theater, dessen Aufführungen auch Bürger anlocken sollen.

In der Stadt wiederum macht ein Studentischer Arbeitskreis Film sehr interessant von sich reden (und fällt schon durch eine unter Studenten sonst ungebräuchliche intelligente Sprache auf). Auf den Forumsfesten der Universität sind die Bürger erwünscht, und das Auditorium maximum ist mit anderthalbtausend Plätzen der größte und akustisch beste Saal der Stadt, so groß, daß die internationalen Stars der U- und E-Musik Regensburg nicht mehr links liegen lassen.

Die Studenten haben, wie zu erwarten, instinktsicher die Romantik der Altstadt gefunden und sich ihr als Milieubestandteil eingefügt. Kneipen über Kneipen. Die heißen "Namenlos", "Zille", "Schwedenkugel", "Jenseits", "Hinterhaus" oder "Adabei" und bieten manchmal Jazz, Rock oder Kleinkunst, auch Kunst und Photographie (wie in der sympathischen, mit einem Kulturförderpreis prämiierten "Galerie unter den Arkaden").

Drängen die Studenten in die Institutionen der bürgerlichen Kultur? Man bemerkt sie nicht; weder sind sie gegenwärtig, noch beeinflussen sie das Programm; niemand nimmt sie als Publikum wahr, geschweige ernst, leider bemüht man sich wenig, sie zu interessieren, womöglich zu gewinnen: Das Abonnententheater findet ohne sie statt. Bisher gilt wohl, was der betagte Walter Boll sagt: "Die Studenten bringen, keine Avantgarde her. Sie laufen, wenn es ‚Wozzeck‘ gibt, nicht raus, die gehen gar nicht erst hin. Aber in die ‚Dollarprinzessin‘ rennen sie." Der Verwaltungsrat Rainer Wallesius, Gründungssemester und Absolvent der Universität, heute Leiter der Volkshochschule, sagt es so: Diese Studenten wollen bedient werden, unreflektiert und zwar mit verwertbaren Tatsachen, nicht mit Zweifeln und Fragen. Sprüche von Studenten: "Die bieten uns nichts an"‚ "die sind sowieso doof", "was soll’s". Als die Staatsministerin im Auswärtigen Amt, Hildegard Hamm-Brücher, die jüngsten Erfahrungen zwischen Deutschen und Amerikanern vortrug, sah man so gut wie keine Studenten in Saal. Hat das hier, in Regensburg, womöglich eine eigene Erklärung? Dreiviertel der Studenten stammen aus Ostbayern. Viele von ihnen sind die ersten Aufsteiger ihrer Familien. Sie verstehen die Chance als Pflicht zu bedingungslosem Fleiß; sie lassen sich nicht durch geistige Abenteuer irre machen, sie machen Scheine. Da die Bindung an ihre Familien weit stärker ist als die an ihre Universitätsstadt, fahren manche allabendlich, die meisten am Wochenende nach Hause: Wie die Bundestagsabgeordneten in Bonn fliehen sie ihre Hauptstadt und bringen sie um die Chance eines eigenwilligeren kulturellen Klimas.

Erst recht läßt diese jungen Leute das politische Leben ihrer Hochschule kalt. So sind selbst die wenigen Aktiven beflissen, aber harmlos; ihre Proteste gegen Bafög-Pläne, eine Wiederaufbereitungsanlage bei Schwandorf, den Rhein-Main-Donau-Kanal (auf den der Kopfhafen Regensburg wartet) oder so hinterlistige, gefahrlich anschwellende Strömungen wie den Ausländerhaß wirken ein wenig schülerhaft.

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Von der urbanen Bedürfnislosigkeit der Studenten auf kulturelles Ödland zu schließen, ist aber falsch. Es gibt fast keinen Tag ohne Musik, und kaum eine Konzertreihe ohne Regensburger Charakteristika. So melden höchst einladend gemachte Prospekte ("Regensburg – der Feste wegen") allein in dieser Saison: eine Bach-Woche mit dem Collegium musicum, Barock-Konzerte im St. Oswald, die Regensburger Orgelwoche, Orgelkonzerte mit Solisten im Dom, Rathauskonzerte im Reichssaal. Es gibt eine Woche der Militärmusik und eine Woche der Gaukler und Straßentheater; das Stadtmuseum veranstaltet seit Jahren (ausverkaufte) Serenaden im Kreuzhof der ihr zugehörigen Minoritenkirche, seit dreißig Jahren ("und nie ein Konzert ausgefallen") finden darin die sonntäglichen Orgelstunden mit Solisten und Ensembles zum Eintrittspreis des Museums statt, und in der noch neuen Städtischen Galerie im "Leeren Beutel", einem rustikal restaurierten Kornspeicher aus dem Mittelalter, wo endlich (wenn auch nicht sehr viel) Platz ist für die Gegenwart, gibt es Jazz-Matineen. Und dann sind da auch die sechs, sieben Konzerte des Theaterorchesters, das sich dafür den Namen Philharmonisches Orchester Regensburg gegeben hat und ein überraschend oft in die Gegenwart reichendes Programm macht, und im Auditorium maximum der Universität sind Meisterkonzerte mit internationaler Besetzung annonciert.

Daneben aber blühen auch so exotische Unternehmungen wie das "Spectaculum musicae", das der Regensburger Musiklehrer Helmut Schwämmlein und das Ensemble "Musica antiqua Ambergensis" mit enormem Erfolg gerade zum fünftenmal vollführt hat: Sie könnten tagelang volle Häuser haben.

Das Mysterium zu enthüllen, warum sich diese Damen (fünf) und Herren (sieben) der alten Musik unter dem Beinamen Ambergensis hingeben, führt nicht sehr weit. Die Gründe der Zuneigung bewegen sich etwa zwischen dem musikseligen und reiselustigen Landgrafen und späteren Kurfürsten Friedrich (den unter den zusammen siebzig sanftmütigen, weisen, gerechten, siegreichen oder einzigen Friedrichen zu nennen der Große Brockhaus sich enthält), und dem Rektor i. R. Schwämmlein, dessen Sohn Helmut nun mit dieser temperamentvollen und kenntnisreichen Musikertruppe von sich reden macht. Was ihre viel gelobten Schallplatten nur andeuten können, war gerade leibhaftig zu hören und zu sehen: im Runtingerhaus, einem etwas zu reinlich restaurierten, sechshundert Jahre alten Patrizierpalast, der sich mit seinen Höfen und Sälen vorzüglich für solche Veranstaltungen eignet, die nicht nur "allerley art musica" bietet, sondern auch eine Commedia dell’Arte über "Die untergeschobene Braut", gespielt auf der Treppe zum Hof, auch ein vierhundert Jahre altes, von Erlanger Pantomimen herzhaft illustriertes Circe-Ballett, und (zweimal) "guet essen vnd trincken". Es gab Suppe in Brottellern, Pasteten, Fasanenspieße, Bauernschinken und "kas vom geberge".

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"Wir haben", erzählte der Theater-Intendant Stelzer jüngst in einem Interview, "der Ärztetagung als Festvorstellung ,Wozzeck‘ angeboten. Sie haben dieses Stück abgelehnt und "Gräfin Marizza‘ genommen." Die Aufführung von Alban Bergs Oper, mit nur einem Gast auf tue Beine gebracht, ist weit über Regensburg hinaus gefeiert worden – aber die Regensburger meiden das Stück. Ich habe eine fesselnde Aufführung der "Lucia di Lammermoor" gesehen – aber die leutseligen Bravorufe kamen dennoch aus keinem ausverkauften Haus. In der Pause zu Peter Hacks Monolog-Stück über die Frau von Stein, einer Aufführung von traditioneller Qualität, ging die Hälfte der Besucher. Dem Theater vor allem, hört man, laufe das alt gewordene, auf Zerstreuung versessene Abonnentenpublikum davon. Das Theater hat versäumt, sich ein anderes zu erobern; es hat unterlassen, sich durch Originalität und Qualität ins Gespräch zu bringen. Inzwischen hat es ein "kleines Haus" im restaurierten Thon-Dittmer-Palais am Haidplatz bekommen – nicht zuletzt für Experimente. Aber noch trifft wohl ein Satz zu, der von Walter Boll kommt: "Da ist kein Saft drin." Und der Museumsdirektor Wolfgang Pfeiffer erinnert sich, daß früher aus München sogar das Theaterseminar des Professors Kubscher nach Regensburg kam.

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Es ereignen sich übrigens gerade, zwei Wochen lang, die "Tage der Schülertheater". Sieben Realschulen und Gymnasien spielen Stücke von Goethe (Faust I) und über Goethe (von Egon Friedeil), von Kaiser, Frisch, Molière, von Kesselring, Shakespeare und Nestroy. Das, denke ich, macht Regensburg doch so leicht keine Stadt nach. Warum nur, frage ich mich, bei so viel Theaterleidenschaft, klagt das Stadttheater über nachlassenden Besuch?

Der Name des Doktors Walter Boll fiel unerwartet oft. Wir trafen uns im Thon-Dittmer-Palais, hinter dessen klassizistischer Monumentalfassade (von dem damals viel beschäftigten Architekten Emanuel d’Herigoyen) in den letzten Jahren ein erstaunlicher Komplex von Kulturinstitutionen eingerichtet worden ist, wo – vom kleinen Haus des Theaters nicht zu reden – neben Kulturdezernat, Volkshochschule, Stadtbücherei auch die Deutsch-amerikanische Gesellschaft logiert, deren Gründer und Vorsitzender Boll ist. Nach anderthalb Stunden kannte ich sein Leben und seine Taten, er hatte sich dabei ohne Zeichen von Verlegenheit Regensburg zu Füßen gelegt: Die Stadt, nicht wahr, "ist wie ein Kind von mir." Niemand hier, der dem mit ernstem Gesicht widerspräche; selbst der junge kulturpolitische Antipode des 82jährigen, der Redakteur Walter Raab, sagt: "Er hat eine Menge Verdienste." Ich saß einem rigoros jugendlichen alten Herrn gegenüber.

Als Boll Ende der zwanziger Jahre ans Museum, das noch gar keins war, geholt wurde, hatte er die zwanziger Jahre schon temperamentvoll ausgekostet. Für vier, fünf Jahre, sagt er, hatte er bleiben wollen und die Stadt, die "so dahin träumte, auf die Beine bringen". Er ließ sich durch nichts aufhalten, auch nicht durch die Nazis, deren Uniform er anzog, um "unsere Dinge irgendwie weiterzumachen". Danach glitt er glatt in die neue Zeit hinüber, machte einfach weiter, wo er aufgehört hatte, und wurde später Kulturdezernent. Kaum eine Institution, die er nicht gegründet, ausgebaut, modernisiert, in Gang gebracht oder angestiftet hat: Städtisches Museum, Archiv, Bibliothek, die Deutsch-amerikanische Gesellschaft, die Ostdeutsche Galerie, das Reichstagsmuseum, das Keplermuseum, auch einen Volksbildungsverein und Konzertreihen. Er hat den Denkmalschutz als erster als Thema erkannt und nach dem Krieg rabiat die Pläne der Schneisen . schlagenden Verkehrsplaner verhindert, "wenn’s nötig war auch illegal". Er schärfte das Bewußtsein für die mittelalterliche Geschlossenheit der Stadt. Allmählich habe sich, wie er hervorhebt, das Kulturpersonal verdreißigfacht: ein Macher, seinen Beobachtern zufolge herrisch, äußerst selbstbewußt, ehrgeizig, aktiv bis in den Lebensabend, ein konservativer Radikaler, der neben sich kein Profil dulden mochte, ein Kultur-Statthalter,der gern überall mitmischen wollte. Er hat, daran ist kein Zweifel, ein erstaunliches Lebenswerk zustande gebracht. Der Galerist Bäumler, selber einer der Kunst-Aktiven, glaubt, daß Regensburg seinen Kultur-Dämmerschlaf ohne Boll nicht oder erst viel später unterbrochen hätte.

Den Nachfolgern hat er, versteht sich, "die Betten gemacht, in die sie sich nur reinzulegen brauchten". Aber nicht wenige von ihnen atmeten auf, als er sich endlich aus dem offiziellen Betrieb zurückzog und damit nun alles das möglich machte, was ihm nicht lag: Zum Beispiel wurde die private Erwachsenenbildung endlich zur städtischen Aufgabe gemacht, die Stadtbibliothek endlich auf Schwung gebracht, neue Institutionen mit geduldiger Intensität ausgebaut und ausgestattet, neue private Initiativen gefördert.

Auch diese Erfolge haben eine Person: den Kulturdezernenten Bernd Meyer. Man nennt ihn einfallsreich, realistisch, überzeugend, einen gewieften Diplomaten. Vielleicht muß man so, wie er sich selber versteht, ein konservativer Linker sein, um hier etwas bewegen zu können und etwas sich bewegen zu lassen, in dieser Stadt, die es mit seltsamer Beharrlichkeit unterlassen hat, ihre braune Periode zu reflektieren, und die die sonderbar ausgeprägte Gabe totaler Anpassung und der Ignoranz hat: Sie wählte, zehn Jahre nach Hitler, nach geistiger Kujonierung, Judenausrottung und Weltkrieg einen Mann zum Oberbürgermeister, der alles das vom Anfang bis zum furchtbaren Ende als Bürgermeister repräsentiert hat. Damit nicht genug, hat die CSU eine Schule nach ihm benannt, nach Hans Herrmann, einem der ihren. Dem Kampf um die Erinnerung ist man bei aller imponierenden kulturellen Aktivität bisher ausgewichen.

Vielleicht war es auch nur ein Zufall: Alle, die ich gebeten habe, mir die Regensburger Kultur eröffnen zu helfen, waren nicht hier Geborene, sondern – vor wie langer Zeit auch – "Hereingeschmeckte".