Vor zehn Jahren hatte Leo Gurschler die Idee, mit einem Gletscherskigebiet den Touristenstrom in das vom Aussterben bedrohte Schnalstal zu lenken. Der Bau der „höchsten Seilbahn Südtirols“ brachte den erhofften Aufschwung. Aber der agile Großbauernsohn verstieg sich in immer kühneren Unternehmungen. Im Mai mußte er Konkurs anmelden. Jetzt fürchten die Schnalstaler, der Pleitegeier über Gurschlers Imperium könne die Gäste vertreiben.

Wir müssen jetzt ein bescheidenes Süppchen kochen“, klagt Verkehrsverbandspräsident Karl Laterner. Wie viele Schnalser ist er von Gurschlers Finanzdebakel direkt betroffen. Als Metzger lieferte er dem bankrotten Hotelier Fleisch und Wurst für 200 000 Mark, auf die er nun wartet. Bürgermeister Richard Grüner hofft auf eine ähnlich hohe Summe für Lebensmittellieferungen. Beim Nationalinstitut für Sozialfürsorge sind seit geraumer Zeit die Sozialabgaben für Gurschlers Arbeiter und Angestellte nicht mehr eingetroffen. Nach dem Konkurs bangt man um die Arbeitsplätze.

Zehn Jahre lang war es im Schnalstal stets bergauf gegangen. Die Touristen kamen in immer größeren Scharen, um in dem urwüchsigen Tal noch „Bergromantik“ zu erleben, jahrhundertealte Bauernhäuser zu bewundern und sich im Sommer wie im Winter von der Gletscherbahn in die schneebedeckte Bergwelt auf über 3000 Meter Höhe einschweben zu lassen. Zählte man 1974 nur 11 000 Übernachtungen, so waren es 1981 bereits über 255 000. Der Fremdenverkehrsboom hatte nicht nur Gurschler in Euphorie versetzt. Familienpensionen wurden aufgestockt, Bauernhäuser ausgebaut, Keller in Hallenbäder umgewandelt, neue Hotels errichtet.

Bald wurde auch Gurschler der Berggasthof, den er in Kurzras am Talschluß mit 1300 Hektar Grund von seinem Großvater geerbt hatte, zu klein. Er begann mit dem Bau eines neuen Feriendorfes. Kritische Stimmen wurden laut, die nicht zuletzt an dem stilvollen, aber in Bergleraugen zu mondänen und eine Nummer zu groß geratenen Projekt Anstoß nahmen. Neben „Gurschlers Hotel“ mit 125 Betten, einem Restaurant und Konferenzraum für 150 Personen entstand eine „Residence“ mit 164 Appartements, die als Teilzeiteigentum in Form von Aktien verkauft werden sollten. Aber die Ferienwohnungen ließen sich wochenweise nur schwer verkaufen. Mit günstigen Pauschalarrangements waren die ständig steigenden Kosten nicht mehr zu decken. Von nun an ging es mit dem leidenschaftlichen Hubschrauberpiloten bergab. Kredite zu hohen Zinsen wurden durch Gurschlers großen Grundbesitz nicht mehr gedeckt. Sein letzter Rettungsversuch, die Hotelzimmer in Eigentumswohnungen umzuwandeln, scheiterte am Veto der Landesregierung. Die Schnalser, die ihrem ungekrönten König immer wieder finanziell unter die Arme greifen mußten, um „fremden Raubrittern“ – den wenig geliebten italienischen Finanzbossen – zuvorzukommen, hatten längst kapituliert. „Dös is hundert Schuach z’groß für uns“, meint der Bürgermeister. Mit einem Schuldenberg von umgerechnet 20 Millionen Mark meldete Leo Gurschler Konkurs an. „Der Leo ist jetzt besitzlos“, beschreibt Grüner, was als die größte Pleite Südtirols gilt. Der Bürgermeister stattet dem „Pionier der Schnalser Gletscherbahn“ dennoch schriftlich Mitleid und Dank ab.

Wann Gurschlers Besitz unter den Hammer kommt und die Gläubiger aus der ersteigerten Geldsumme ihren Anteil bekommen, ist angesichts der verschachtelten Gesellschaften, die der Finanzjongleur gegründet und gemanagt hat, in denen er aber nicht immer die Mehrheit behielt, nicht abzusehen. „Gurschlers Hotel“ mit 125 Betten bleibt vorerst geschlossen. „Die Mauern sind nicht bankrott“, umschreibt der Bürgermeister die komplizierten Besitzverhältnisse. Nicht vom Konkurs betroffen sind die Appartementblocks und die Gletscherbahn AG, die in den letzten Jahren Gewinn erwirtschaftet hatten. Das „Sporthotel Kurzras“ und die Schutzhütte „Schöne Aussicht“, die jetzt von Schwager und Schwägerin bewirtschaftet werden, sind weiter in Betrieb.

Aber der Staub, den der Fall des Gurschler-Imperiums aufgewirbelt hat, könnte bereits Gäste verscheucht haben. So jedenfalls deuten die Schnalser den Rückgang der Übernachtungen um acht Prozent in den vergangenen drei Monaten. „Dabei ist es im Schnalstal so schön wie früher“, sagt der Bürgermeister mit flehender Stimme. „Wir haben drei Feuerwehren, drei Kirchenchöre...“

Das Bauen aber will man im Schnalstal auch in Zukunft nicht seinlassen; allerdings denkt man in erster Linie an „qualitative Verbesserungen“ der 2500 Betten in Hotels und Familienpensionen und an zusätzliche Lifte in Kurzras, „um das Winterangebot zu bereichern“. Wie sagt der Bürgermeister? „Es muß weitergehen.“

Sybille Herrmann