Entspricht das Bild vom Leser als einer Art Spitzweg-Saurier, als eines liebenswerten, aber gänzlich unzeitgemäßen Wesens, wirklich der Realität? Wäre das Interesse für den Volkssport Fußball ähnlich groß wie das an den Bibliotheken, so müßten die Bundesligaspiele allein im Großraum Stuttgart für die Bevölkerung vier- oder fünfmal wiederholt werden.

Hermann Bausinger, Direktor des Ludwig-Uhland-Instituts für empirische Kulturwissenschaft an der Universität Tübingen, in seinem Vortrag „Hat das Lesen eine Zukunft?“

(„Buch und Bibliothek“, 6/82).

Auschwitz – gut lesbar

„Aus der Reihe unserer nächsten publizistischen Vorhaben ragt ein Werk schon allein durch den Umfang heraus“ – so wirbt zur Zeit der Berliner Verlag Olle & Wolter, ein kleines ambitioniertes Unternehmen, das sich bisher vor allem um linke Literatur verdient gemacht hat. Nein, mit dem Argument des breiten Buchrückens wird nicht für des alleinstehenden Herrn neuestes Kochbuch geworben, es geht auch nicht um ein Goldschnitt-Lexikon für die bürgerliche Wohnstube. Dieses „Nachschlagewerk für alle Sach- und Personendetails“, „wissenschaftlich auf höchstem Niveau, trotzdem gut lesbar“ ist – die „einzige Gesamtgeschichte des Holocaust“, Raul Hilbergs „Vernichtung der europäischen Juden“. „Es ist Hilberg gelungen zu beschreiben, was nicht zu beschreiben ist. Wissenschaftlichkeit und Betroffenheit bilden hier eine Einheit. Wir wünschen uns, daß das Buch gerade bei uns die Bedeutung erhält, die es verdient“. Darum auch das Erscheinungsdatum: „Das Buch soll rechtzeitig zur erneuten Ausstrahlung der Holocaust-Serie im ARD-Programm, aber auch zum 50. Jahrestag der Machtergreifung Hitlers, erscheinen“. Die rechten Väter und Großväter haben sechs Millionen luden vergast, verbrannt, erschossen, abgeschlachtet. Die besonders Geschmacklosen unter ihnen sind anschließend durch die Vermarktung ihrer „Memoiren“ vermögend geworden. Was die Geschmacklosigkeit angeht, haben die linken Söhne und Enkel offenbar von ihnen gelernt. Folgt demnächst bei Olle & Wolter der „Große Farbband über die Judenmorde“, mit einzigartigen, bislang unveröffentlichten Farbphotos, die die Grausamkeit der Nazi-Verbrecher unübertrefflich darstellen?

Fußball und Fassbinder

Nun kann niemand mehr behaupten, unsere Fußball-Helden werden nur Konsalik und Mickey Mouse lesen. Zu überraschenden Erkenntnissen gelangte der Torwart Toni Schumacher, vom Kölner Stadt-Anzeiger zur Krise der deutschen Weltmeisterschafts-Mannschaft befragt: „In den Köpfen dieser Leute hat sich das Gefühl breitgemacht, daß sie die Erwartungen nicht erfüllen können. Das führt zu Angst, Verkrampfung und schließlich zu Ratlosigkeit. Ich muß in diesem Zusammenhang an den Fassbinder-Film ‚Angst essen Seele auf erinnern, in dem deutlich vor Augen geführt wird, wie die Moral durch Angst vor die Hunde geht. Bei uns ist es derzeit nicht anders. Keine Angst haben offensichtlich die Autoren von vier bereits für den September angekündigten Fassbinder-Biographien Für Kiepenheuer und Witsch tritt Harry Baer an, für Bertelsmann Kurt Raab, für Schneekluth Gerhard Zwerenz und für Heyne ein Bernd Eckhardt. Viel schneller sind Breitner und Co. mit ihren WM-Büchern auch nicht.