Nur eine Nämlichkeit

Die Post steht im Telephonbuch unter P, die Bundesbahn unter B, mithin, so schließe ich, wird der Zoll unter Z zu suchen sein. Da aber steht er nicht.

Der Zoll ist eine Behörde; also schlage ich „Behörden“ auf. Eine Zollbehörde gibt es nicht. Ist Zoll etwas Inneres? Schwer zu sagen, er steht zwischen Innen und Außen. Die Behörde für Inneres verzeichnet ihn nicht; eine Behörde für Äußeres haben wir in Hamburg nicht.

Zoll hat mit Geld zu tun. Sollte man ihn unter Finanzbehörde finden? Da steht nur ein Hinweis: „Finanzämter s. F – Finanzverwaltung“. Über Zoll kein Wort.

Wer Rat braucht, holt ihn sich vom Rathaus. „Wissen Sie, wie man den Zoll anrufen kann?“ frage ich den Mann vom Rathaus. Muffig fragt er zurück: „Worum handelt es sich denn?“ Das hatte ich befürchtet. „Es geht um eine Uhr“, sage ich, „ich habe sie in England bauen lassen, nach einem alten Modell. Unlängst wurde sie mir gebracht. Da habe ich Mehrwertsteuer bezahlen müssen...“ Der Muffige unterbricht mich: „Mehrwertsteuer muß jeder bezahlen, der eine Uhr kauft. Wenn es um die Steuer geht, müssen Sie die Finanzbehörde anrufen.“

„Aber ich habe die Steuer beim Zoll entrichtet“, werfe ich ein, „und jetzt...“ Wieder werde ich unterbrochen: „Wenn es sich um eine Steuerangelegenheit handelt, ist die Finanzbehörde zuständig.“

„Aber es geht doch um Ausfuhr“, erwidere ich. „Wieso Ausfuhr, vorhin haben Sie gesagt, Sie hätten die Uhr eingeführt. Ausfuhr ist natürlich eine Zollangelegenheit. Da müssen Sie beim Hauptzollamt anrufen.“ Endlich hatte ich ihn soweit. „Und können Sie mir die Telephonnummer vom Hauptzollamt sagen?“ „Die steht im Telephonbuch.“ Aus.

Es ist zum Verzwei...– halt, hatte er nicht Hauptzollamt gesagt? Vielleicht finde ich den Zoll unter H. Richtig: „Hauptzollämter s. Finanzverwaltung“ steht da – hätte dieser Hinweis nicht auch unter „Finanzbehörde“ stehen sollen? Also ‚F – lauter Zollämter; ich rufe eines an. „Gibt es bei Ihnen eine Auskunft?“ frage ich. „Um was geht es denn?“ fragte die Frauenstimme. Ich erzähle ihr von der in England gebauten Uhr, die alle Augenblicke stehen bleibt und darum repariert werden muß, weil noch Garantie darauf ist. „Die Uhr soll nach England zurückgebracht werden, und dazu braucht der Abholer Papiere, damit nicht noch einmal Zoll bezahlt werden muß.“

„Zoll müssen Sie überhaupt nicht zahlen“, sagt die Stimme, „England gehört zur EG.“ Richtig, ich hatte Zoll gesagt, aber Mehrwertsteuer gemeint. Nachdem dies geklärt ist, sagt die Dame fachkundig: „Es handelt sich also um eine Nämlichkeit; ich gebe Ihnen den betreffenden Sachbearbeiter.“

Ein Mann meldet sich. Ich beginne mit meiner Geschichte, doch er weist mich barsch zurecht: „Sagen Sie mir einmal, wer Sie sind?“ „Wozu?“ denke ich, sage aber brav meinen Namen und komme zur Sache: „Es geht um eine alte, das heißt um eine neue, aber nach einem alten Modell gebaute...“

„Sie gehen zu Dössel und Rademacher, holen sich ein Auskunftsblatt, kommen damit und mit Ihrer Uhr hierher und...“ Die Uhr sei sehr groß und schwer, gebe ich zu bedenken, aber der Mann hört schon gar nicht mehr hin. Er redet jetzt mit jemandem und sagt dann unvermittelt: „Rufen Sie die Abfertigungsstelle Auslandsfähren an, die hilft Ihnen weiter.“ Immerhin gibt er mir eine Telephonnummer. Ein Fräulein versucht mich mit der Abfertigungsstelle zu verbinden. „Da ist niemand. Worum handelt es sich denn?“

„Um eine Uhr, die mit der Fähre nach...“ „Ich verbinde Sie mit dem Zollamt Fischereihafen.“ Knorrig-gemütlich fragt einer: „Was gibt’s.“ Ich spule meine Geschichte ab – inzwischen habe ich mir eine Kurzfassung zurechtgelegt. „Es handelt sich also um eine passive Veredelung“, sagt der Mann, „da müssen Sie beim Hauptzollamt anrufen und ‚Passiver Veredelungsverkehr‘ verlangen.“

Hauptzollamt also, aber welches. Ich suche mir eines aus und habe Glück. Herr Schulze ist zuständig, ein geduldiger Mann. Eine Kleinigkeit sei das, befindet er. Ich habe am nächsten Morgen bei ihm zu erscheinen, fülle mit seiner Hilfe einen Antrag auf passiven Veredelungsverkehr aus, den Herr Schulze genehmigen und mich „dahingehend benachrichtigen“ wird. Bei Dössel und Rademacher muß ich noch zwei Formulare für die zollamtliche Abfertigung kaufen.

Der Uhrenbaumeister kommt, gemeinsam transportieren wir die Nämlichkeit zur England-Fähre. Freundlich ist der Zollbeamte. Er hat schon den passiven Veredelungsschein auf dem Schreibtisch liegen. Die Formulare aber, die ich gekauft habe, sind falsch. Also neue Formulare von Dössel und Rademacher. Dann soll die Uhr plombiert werden, „damit keine Veränderung an ihr vorgenommen werden kann“. Ich gebe zu bedenken, daß just eine Veränderung der Zweck des Unternehmens sei.

„Also ein Garantiefall“, stellt der Beamte fest, „dann findet gar keine Veredelung statt. Sie hätten sich den Antrag und die Formulare sparen können.“ „Was hätte ich denn tun müssen?“ möchte ich wissen. „Gar nichts“, sagt er, „die Ware kommt hierher zurück, und zwar in dem Zustand, in dem sie eigentlich hätte sein müssen. Eine Veredelung ist das nicht.“ Das klingt folgerichtig.

In ein paar Wochen trifft der Meister mit der hoffentlich zum Guten veränderten, jedoch im amtlichen Sinne passiv unveredelten Nämlichkeit ein. Wenigstens weiß ich dann, wo man den Zoll im Telephonbuch findet.

Thomas v. Randow