/ Von Aloys Behler

Über vier Wochen haben sie uns nun die Hölle und Abend für Abend den Fernsehkasten heiß gemacht. Jetzt ist es vorbei. Zeit, sich abzuregen. Die Mannschaft des Deutschen Fußballbundes, "unsere" Mannschaft, hat das Endspiel der Weltmeisterschaft gegen Italien 1:3 verloren, und auf die Gefahr hin, daß das nach Vaterlandsverrat klingt: Es ist gut so.

Einen Endspiel-Augenblick lang, als die Italiener ihren Elfmeter verschossen, sah es ja so aus, als könnte es von neuem losgehen, dieses atemberaubende wahnsinnige Glücksspiel mit Verlängerung, Wiederholung womöglich, nochmals Verlängerung und Elfmeterschießen. Und dann die Deutschen wieder Sieger, nicht auszudenken – auch wenn man, von Haus aus nicht Vaterlandsverräter, sondern im Prinzip ein deutscher Fußballfan, die eigene Mannschaft ganz und gar nicht ungern siegen sieht und ihr den Weltmeistertitel gern gegönnt hätte – im Prinzip.

Es ist gut so, daß sie nicht gewonnen haben. Dies ist eine Feststellung jenseits aller Ereiferung. Nicht die Spur von Häme, nicht die Spur von Schadenfreude darin und auch nichts von jenem Gerechtigkeitsfanatismus aus enttäuschter Liebe, der in den Tagen nach dem Österreich-Spiel manchen Anhänger im eigenen Lande wütend wünschen ließ, die Deutschen möchten achtkantig aus dem Turnier fliegen.

Es ist gut so, weil die Deutschen dieses Weltmeistertitels, wenn sie ihn denn tatsächlich noch gewonnen hätten, niemals froh geworden wären. So schön, so fabelhaft, so phantastisch hätten sie gar nicht Fußball spielen können, daß das Volk ihnen verziehen hätte, was sie sich zuvor geleistet hatten. Besser keinen Titel als einen mit Schimpf und Schande. Irgendwann, nach dem Urlaub, werden auch Jupp Derwall und die Spieler darauf kommen: Es ist gut so, daß sie nicht gewonnen haben, gut für sie, gut für die Deutschen, gut fürs allgemeine Wohlbefinden. Jedenfalls blieb jener Rest an Sympathie erhalten, den man im Sport dem Geschlagenen entgegenzubringen pflegt.

Was würde Paul Brenner dazu sagen? Wahrscheinlich, in der Gangart, in der er in Spanien durch einige Interviews Amok gelaufen ist: "Das ist mir sch... egal!" Hinter markigen Sprüchen versteckte der Mann, den man für das Schicksal dieser deutschen Nationalmannschaft fast so verantwortlich machte wie den Bundestrainer, obwohl er nicht ihr Kapitän war, seine verwundete Seele.

Die Psyche des Paul Breitner, um den herum der Bundestrainer seine Mannschaft für dieses WM-Turnier formierte, ist offensichtlich weniger robust, als die oftmals grimmige Miene glauben machen will. Man hat es gelegentlich wohl vermuten können, in Spanien wurde es ganz offenkundig: Kritik kann den Paul Breitner rasend machen, da ist er verletzlich, hochempfindlich. Für das Erscheinungsbild der Mannschaft aus der Bundesrepublik bei dieser Weltmeisterschaft war dieser Umstand von einiger Bedeutung. Schließlich sorgte Paul Breitner dafür, daß die Deutschen nicht nur zwischen Anstoß und Abpfiff ein paar wenig weltmeisterschaftsreife Auftritte hatten.

Nach dem Spiel gegen Frankreich hat Paul Breitner dem Korrespondenten der Deutschen Presse-Agentur in einem Interview eine Antwort gesehen, die hier wörtlich zitiert sei, weil sie Aufschluß gibt über die Verfassung, in der sich der Mann und die Mannschaft, deren Wortführer und Schlüsselfigur er ist, befunden haben müssen. Paul Breitner sagte, angesprochen darauf, daß man von der deutschen Mannschaft als von einem "Finalisten ohne Glanz" rede:

"Das sind Leute, die uns den Erfolg neiden, die nicht damit fertig werden, daß wir so weit gekommen sind. Und die sollen sich in den Arsch beißen, wirklich in den Arsch beißen, und uns in Ruhe lassen. Wir haben in den letzten Spielen gezeigt, was wir können. Wir haben gegen Frankreich eine Leistung geboten, die mit nichts zu vergleichen ist. Und wenn uns jetzt noch einer was anhaben will, dann soll er das machen. Aber das trifft uns überhaupt nicht."

So spricht keiner, der von gesundem Selbstbewußtsein erfüllt ist; so spricht einer, der sich mit dem Rücken an der Wand sieht. Da schlug Paul Breitner um sich in verbaler Notwehr, verzweifelt bemüht, endlich die Anerkennung zu finden, die er für seine Leistung beanspruchen zu können glaubte.

Nein, sie haben offensichtlich die Welt nicht mehr verstanden, die Spieler des Deutschen Fußballbundes samt ihrem Trainer. "Das trifft uns überhaupt nicht", sagte Paul Breitner, und das Gegenteil war sicherlich richtig: Es hatte sie voll getroffen. Nicht im geringsten waren sie vorbereitet auf das, was ihnen bei dieser Weltmeisterschaft widerfahren würde. Ihrer Sache und ihres Könnens ganz sicher, waren sie hierhergekommen – und nun total verunsichert. In ihrer Not – so läßt sich, rückblickend, mit einigem Verständnis die Lage vielleicht beschreiben – verschworen sie sich gegen diese Welt von Kritikern und suchten ihr Heil schließlich nach der Devise: Viel Feind, viel Motivation.

Viele Freunde konnten sie damit folgerichtig nicht gewinnen. Beim spanischen Publikum, bei der internationalen Presse, ja auch beim heimischen Anhang hatten sie ja schon verspielt, bevor sie sich schließlich couragiert auf den Weg machten, der sie zu aller und vermutlich auch der eigenen Überraschung noch bis ins Endspiel brachte. Die Kraft dazu gab ihnen der Trotz – und das dringende Bedürfnis, es all denen zu zeigen, die sie "in den Dreck" gezogen hatten. Von der festen Überzeugung, von aller Welt mißverstanden und zu Unrecht verurteilt worden zu sein, konnten sie deshalb nicht lassen, auch dann nicht, als dem einen oder anderen die Einsicht dämmerte, daß sie die Situation fahrlässig herbeigeführt und fahrlässig verschlimmert hatten.

Das Auftreten der Deutschen ist im eigenen Lande heftig getadelt worden; die heimische Presse hat es – auch wenn Jupp Derwall, Rechtfertigung suchend, sich verraten und verkannt fühlt – angemessen beurteilt. Böse Worte fielen im Ausland. So beliebt sind die Deutschen, so geschätzt ist ihr Fußball nicht, daß solches Fehlverhalten von Nationalspielern, ob sie nun ihr Land vertreten oder nicht, ohne Folgen bliebe. Fußball findet nicht im luftleeren Raum statt. Wo immer es auf höherer Ebene um Fußball geht, geht es auch um mehr. Was hätten sonst die Fahnen und Hymnen, die Staatspräsidenten und Bundeskanzler in den Stadien zu suchen?

Auch über ungerechte Urteile darf man sich dann nicht wundern. Kaum ein gutes Wort verlor die ausländische Presse, die französische, die englische, die spanische, über die nun wirklich einmalige Leistung, mit der die Deutschen einen 1:3-Rückstand in der Verlängerung des Halbfinalspiels gegen Frankreich wettgemacht hatten. Da hat Paul Breitner ausnahmsweise recht: eine Leistung, die mit nichts zu vergleichen ist. Unter normalen Umständen wäre diesem Bravourstück, das auch keineswegs allein fußballerischer Kraftmeierei zu verdanken war, sondern durchaus einer für Minuten erwachten großartigen Spiellaune entsprang, gewiß überall gebührender Respekt zuteil geworden. Aber normal waren die Umstände nun nicht mehr. Und mit einem Male waren sie alle wieder da, die alten Vorurteile, die alten bösen Bilder von der deutschen Kampfmaschine, der Dampfwalze, dem finsteren Adler. Seit Beckenbauers und Netzers Zeiten waren sie in der Versenkung verschwunden, aber nicht tief genug, daß sie nicht griffbereit gewesen wären.

Wer die lange Liste der Beschimpfungen liest, die die internationale Presse in diesen Tagen für deutsche Fußballspieler aufgelegt hat, fühlt sich gedrängt, die Mannschaft dagegen in Schutz zu nehmen, auch wenn er sich selbst gerade noch über sie geärgert hat. Daß sich lauter Schwindler, Gauner, Betrüger unter Derwalls Fittichen zusammengetan haben, ist nicht die Wahrheit. Das Foul, das Torwart Schumacher an einem französischen Gegenspieler beging, war ein böses Foul, und auch sein Verhalten danach war rüde. Ihn deshalb einen "Schwachsinnigen" zu nennen, der "in verbrecherischer Absicht" handelte, ist aber nicht gerechtfertigt. Aus Anlaß der Ereignisse bei dieser Fußball-Weltmeisterschaft hat man den "häßlichen Deutschen" wiederentdeckt, und das ist gewiß auch eine Überreaktion.

Die Deutschen sind Zweite geworden, und das ist, meinen viele, mehr als sie verdient haben. Nun gut, damit muß es der Mißachtung und Bestrafung allmählich genug sein. Die Mannschaft hat am Ende alles gegeben, was in ihren Kräften stand. Und wenn die Erinnerung an den kläglichsten Auftritt mit ihrem Namen verbunden ist, so wird man sich auch daran erinnern, daß sie an der dramatischsten Auseinandersetzung beteiligt war, die man bei einer WM je erlebt hat. Den Vize-Weltmeistertitel hat sie sich verdient, wenn Verdienst im Fußball noch nach Punkten und Toren gerechnet wird. Wenn es nach Noten geht, waren die Brasilianer besser und auch die Franzosen.

Die deutsche Mannschaft, das hat sie mehrfach bewiesen, kann besser Fußball spielen, als sie es in Spanien demonstriert hat. Mit einem von keiner Zerrung geplagten Rummenigge, ohne den Schock des Algerien-Spiels, der alle Bedingungen veränderte, hätte sie wahrscheinlich etwas ansehnlicher kombiniert. Weiter gebracht hätte sie es aber vermutlich auch dann nicht. Die Italiener, in dieser Mischung von begeisterndem Schwung und professioneller Kühle, waren unübertrefflich.

Wolfgang Overath, einst Spielmacher der deutschen Nationalelf, von einem Format, wie man es heute schmerzlich vermißt, erinnerte nach dem Halbfinalspiel zwischen Deutschen und Franzosen im Fernsehstudio an jene Begegnung in Mexiko, in der sich die Mannschaften Deutschlands und Italiens, gleichfalls im Halbfinale, einen ähnlich großen und unvergeßlichen Kampf geliefert hatten – 1:1 bei Spielschluß, 4:3 für Italien nach Verlängerung. "wir haben damals zwar verloren", sagte Wolfgang Overath, "aber diese Niederlage hat uns mehr Sympathien eingebracht, als ein Sieg je vermocht hätte."

Sympathien, wie sie in Spanien den Franzosen zuflogen. Aber hätte Horst Hrubesch deshalb den entscheidenden Elfmeter in die Wolken schießen sollen?