Von Hans Mayer

Ich bin gegen meine eigene Geschichte immer bereit gewesen: Da es keine glückliche ist, habe ich mich leicht zur Schadenfreude über mich selbst hinreißen lassen. Adolf Muschg:„Literatur als Therapie?“

Leib und Leben“ bedeutet zweimal dasselbe. Es ist keine Zusammensetzung, sondern eine Verstärkung: wie die berühmte und so fragwürdige Formel unseres „Bürgerlichen Gesetzbuches“, die von „Treu und Glauben“ spricht. In den Erzählungen von –

Adolf Muschg: „Leib und Leben“, Erzählungen; Suhrkamp Verlag, Frankfurt, 1982; 215 S., 25,– DM

hingegen wird ein Zweierlei aus dem Einerlei Da verwandeln sich „Leib“ und „Leben“ plötzlich in Gegensätze. Das Leben wird dadurch nicht verstärkt, sondern zersetzt. Es kann letal dabei zugehen: von der Guillotine (in der historisch situierten großen Schlußerzählung „Ein Glockenspiel“) bis zum Herzinfarkt.

Immer ist Alltag in diesen Geschichten: auch wenn wir in der ersten Erzählung „Ihr Herr Bruder“ ins Jahr 1836 und nach Niederösterreich versetzt werden, in das grausig-komische Sterbegeschehen des Dramatikers Ferdinand Raimund oder (in der Schlußgeschichte) ins Jahr 1792 und in die Umgebung von Mainz, wo das Ancien Regime zittern muß vor dem Anmarsch der revolutionären Franzosen unter ihrem General Custine. Es sind stets alltägliche Geschichten; für uns ist das beständig Gegenwart, wenn es sich um die Entfremdung handelt zwischen unserem Tagestrott und irgend etwas in uns selbst, das sich diesem Alltag widersetzt.

Was jedoch widersetzt sich unserem Lebensalltag unter dem Signum „Leib“? Wenigstens vier unter den neun Geschichten des Bandes meinen es genau wörtlich. Der Körper „macht seine Rechte geltend“, wie die Redensart zu lauten pflegt. In der – im Vergleich zu den anderen Geschichten – schwächeren Erzählung „Wullschläger Country“, der Abwandlung einer wunderschönen Liebesgeschichte aus Muschgs erstem Buch „Im Sommer des Hasen“, ist es die Erfahrung sinnlichen Glücks. Allein das Leben triumphiert über den Leib. Die Thailänderin Patscharin, die man durch Heirat zur Schweizerin macht, lebt nicht mehr in der Welt des europäischen Exotismus aus dem 19. Jahrhundert. Der Traum Paul Gauguins von der Südsee ist ausgeträumt. „Lieber eine Kühltruhe in Adliswil“, so belehrt das Mädchen den körpertrunkenen schweizerischen Ehemann, als einen Sonnenuntergang in Thailand.