Es darf gelacht werden. Es muß gelacht werden: zum Nutzen der Einschaltquote. Die liegt inzwischen bei 99 Prozent. Der Konzern überläßt nichts dem Zufall. Er kontrolliert alle 48 Fernsehprogramme und dazu auch die vereinigten Zeitschriften und Zeitungen. Zum Angebot des Medien-Multis gehört das Lach-Marathon. Wer als letzter umkippt, hat gewönnen. Diese Lustbarkeit ist, im Jahre 1989, die populärste Sendung des deutschen Fernsehens. Schöne neue Welt.

Aber selbst der Vergnügungs-Trust hat Probleme. Die Berteismänner und Luxemburger von morgen fürchten sich vor einem Attentäter. Eine Bombe kommt ins Spiel. Der smarte Konzern-Chef, allgemein als der „Blaue Panther“ bekannt, verbirgt ein schreckliches Geheimnis. Eine Widerstandsgruppe, unter der Anleitung eines gewissen Krysmopompas, sprüht nachts revolutionäre Parolen an die Wände. Ein Fall für Polizeileutnant Jansen.

Dieser Jansen sieht kaum so aus wie ein Beamter, von dem man bedenkenlos Karten für das nächste Polizeisportfest kaufen würde: ein fetter Mensch mit tückischen kleinen Augen, der seinen massigen Leib in einen Anzug aus (imitiertem?) Leopardenfell zwängt, Poltergeist und Alkoholiker. Aber Jansen ist tüchtig, zu tüchtig. Und so löst er das Geheimnis des 31. Stocks.

„Mord im 31. Stock“ heißt der 1964 erschienene Kriminalroman des Schweden. Per Wahlöö, der den Berliner Regisseur Wolf Gremm zu seinem Film „Kamikaze 1989“ inspirierte: die eisige Vision eines total verwalteten Zukunftsstaats, der auch die Freizeit-Gewohnheiten seiner Bürger perfekt reglementiert, durchaus in der Tradition der negativen Utopien von Huxley und Orwell.

Der Polizeileutnant Jansen ist ein Anarchist mit Dienstmarke, einer, der das miese Spiel der Manipulateure längst durchschaut hat und nur noch seinen eigenen, höchst dehnbaren Gesetzen gehorcht. Er ist kein Aussteiger, aber auch kein Mitmacher. Er ist ein Mann zwischen den Fronten: ein Zyniker. Man wundert sich nicht, daß Rainer Werner Fassbinder von dieser Figur so fasziniert war, daß er in „Kamikaze 1989“ seine größte Kinorolle seit Volker Schlöndorffs „Baal“ (1969) übernahm.

Fassbinder, assistiert von seinem Freund Gremm, erzählt die böse Geschichte vom Ausverkauf der Phantasie über die Figur des Kamikaze-Kämpfers Jansen: widerwillige Pflichterfüllung, Anfalle jäher Gewalttätigkeit, Trotz nach oben, Druck nach unten, nächtliche Verzweiflung, am Ende wütende Ohnmacht. Der Fall ist abgeschlossen, aber niemand interessiert sich für die Wahrheit. Humphrey Bogart oder später Lino Ventura hätten eine solche Rolle spielen können. Im futuristischen Design von „Kamikaze 1989“ füllt Fassbinder sie mit kleinen Gesten des Ekels und der Auflehnung aus. Und mit einer schier übermenschlichen Energie, die ihn innerhalb von vier Ermittlungs-Tagen von der Chef-Etage des Medienkonzerns über die Polizei-Disco und diverse Villen bis in den schäbigen Bauch der smogverseuchten Stadt treibt.

Man tut dem kompetenten Kino-Handwerker Wolf Gremm („Fabian“) wohl mit der Feststellung kein Unrecht, daß sein Film ohne Fassbinder sicher längst nicht so eindrucksvoll geraten wäre. Denn Fassbinder, der auf seine „Kamikaze“-Leistung sehr stolz war, stellt den Polizisten Jansen als einen klobigen Heinrich George im New-Wave-Look so exzentrisch dar, daß die diversen Ungereimtheiten und Umständlichkeiten. des Drehbuchs kaum noch stören.